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Science Fiction aus Stuttgart

Daimler erfindet die Paketlogistik mit einer spektakulären Fahrzeugstudie neu. Voll vernetzt, digitalisiert und mit Drohnen an Bord gibt der Mercedes-Benz Vision Van einen Ausblick auf die Zukunft der Zustellung für die letzte Meile.

Mit dem Mercedes-Benz Vision Van hat Daimler gerade die Zukunft der Paketzustellung neu erfunden. Auf der IAA stellen die Schwaben eine Studie vor, die direkt aus der Zukunftswerkstatt kommt. Science Fiction aus Stuttgart?

Das Zustellfahrzeug verfügt über eine Joystick-Steuerung und einen vollautomatisierten Laderaum. Dazu kommen integrierte Drohnen zur autonomen Luftzustellung. Selbstverständlich ist ein Elektroantrieb an Bord, der bei einer Leistung von 75 Kilowatt eine Reichweite bis zu 270 Kilometer ermöglicht. Das würde freie Fahrt in Umweltzonen bedeuten, die einem Verbrennungsmotor künftig versagt sind. Auf diese Weise ließe sich eine Spätzustellung in Wohngebieten für die Lieferoption Same Day Delivery realisieren. Tatsächlich markiert der Mercedes-Benz Vision Van den Auftakt zu einer weit reichenden Transformation des Herstellers vom Transporterbauer zum Anbieter von ganzheitlichen Systemlösungen. Daimler unterstreicht damit zweifellos seine Ambitionen, sich auch im Logistikbereich gegen Big Data Player wie Google und Apple zu positionieren.

Eine revolutionäre Transporterstudie für den urbanen Raum nennt Daimler die Studie. Ankündigungen dieser Art gehören natürlich zum Geschäft, wenn man die Zukunft neu verhandelt. Andererseits haben die Zukunftsentwickler ihre Aufgabe wirklich mit Bravour gelöst. Allein das Design der Studie mit seinen harmonischen Proportionen und Linien ist ein gelungener Wurf, den mancher Paketdienst wohl am liebsten schon morgen auf der Straße sehen würde. Ins Auge fällt die breite Frontscheibe, die sich wie das Visier eines Motorradhelms weit in die Seitenwände hineinzieht. Da diese Konstruktion ohne A-Säulen auskommt, hat der Fahrer im Cockpit nahezu optimale Sichtverhältnisse nach draußen.
Mit dem Mercedes-Benz Vision Van zieht der Hersteller alle Register zur digitalen, sensorischen und funktionalen Vernetzung. Das Fahrzeug ist gewissermaßen ein mobiles Logistiklager, in dem eine Cloud basierte Software entscheidet, ob ein Paket durch den Zusteller oder per Lieferdrohne an den Endkunden gelangt. LED-Displays an der Vorder- und Rückseite des Fahrzeugs übernehmen die Kommunikation mit der Umwelt. Das können Warnhinweise sein, wenn die Lieferdrohnen abheben, das Fahrzeug anhält oder der Zusteller aussteigt. Ein Highlight des Transporters ist das Laderaummanagement, das mit maßgeschneiderten Regalen und speziellen Ladungsträgern den verfügbaren Raum perfekt ausnutzt.                                            Der Laderaum selbst ist eine geschlossene Zone mit automatischen Abläufen. Weder die Mitarbeiter in der Lagerhalle noch die Fahrer müssen den Laderaum überhaupt noch betreten. Die Pakete sortiert ein Lagersystem im Paketzentrum automatisch vor und bestückt damit die Ladungsträger auf einem fahrerlosen Flurförderzeug. Nach dem Kommissionieren rollt der Stapler an das Heck des Zustellfahrzeugs und schiebt den kompletten Ladungsträger ein. Der Fahrer wiederum übernimmt vor Ort seine Pakete an einer Ladeklappe an der Rückwand der Fahrerkabine. Dort befindet sich auch ein Infoterminal, das die relevanten Informationen für den jeweiligen Zustellprozess bereit stellt.

Daimler hat die Studie interessanterweise nicht als autonomes Fahrzeug konzipiert. Der Fahrer ist in diesem Szenario also noch gefragt. Fraglich ist allerdings, ob ihm der Job in dieser Zukunft noch gefallen könnte. Der Arbeitsplatz ist jedenfalls konsequent auf Funktionalität ausgelegt. Im Fokus steht ein Innenraum, der viel Bewegungsfreiheit, schonende Arbeitsabläufe sowie einen komfortablen Ein- und Ausstieg ermöglicht. Der Fahrersitz rückt dazu weit nach vorn, was die Nutzfläche erhöht. Platz schafft auch eine Drive-by-Wire-Steuerung mittels Joystick, die das Lenkrad und Pedale überflüssig macht. Der Fahrzeugboden wiederum ist durchgehend eben, weil der Elektroantrieb ohne Getriebestrang auskommt.

Der Clou des Mercedes-Benz Vision Vans sind die beiden auf dem Dach installierten Paketdrohnen. Daimler hat die mit vier Propellern ausgestatteten Fluggeräte gemeinsam mit Technologiepartner Matternet entwickelt. Was sie zum Paketboten qualifiziert, ist ein leichtes Gehäuse aus Karbonfasern und Aluminium, das eine Nutzlast von zwei Kilogramm und einen Flugradius von bis zu zehn Kilometern ermöglicht. Damit lassen sich die Drohnen während der Fahrt vom Dach starten, wenn der Zustellort schlecht an die aktuelle Hauptroute angebunden ist. Sie fliegen dann die programmierte Adresse in Eigenregie an und kehren anschließend zum Van zurück. Neue Maßstäbe setzt der Mercedes-Benz Vision Van auch bei der Effizienz. Wie es heißt, soll das Fahrzeug die Produktivität in der Zustellung auf der letzten Meile um bis zu 50 Prozent steigern.

Text: Joachim Geiger / Foto: Daimler AG

 

 

Autor
Joachim Geiger

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