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Potenzial der Zukunftstechnologien in der Paketzustellung

In fünf Jahren fahren vermutlich die ersten teilautonomen Zustellfahrzeuge auf der Straße. Von diesem Fortschritt wird die Paketzustellung auf der letzte Meile eindeutig profitieren. Wohin die Reise für die KEP-Branche geht, zeigt ein Thesenpapier von DPD Deutschland.

Auch für die Big Player im Kurier-, Express- und Paketdienst ist die letzte Meile längst ein veritables Experimentierlabor. Die zum französischen Staatskonzern La Poste gehörende DPD Deutschland mit Hauptsitz in Aschaffenburg hat jetzt ein Thesenpapier vorgestellt, das die spezifische Bedeutung des autonomen Fahrens für Paketdienste analysiert.

Der Zeithorizont des Papiers reicht von heute bereits verfügbaren Anwendungen bis hin zu autonomen Lösungen der Stufe fünf nach dem aktuellen SAE-Standard. Das gemeinsam mit der im Umfeld der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen (RWTH) aktiven Forschungsgesellschaft Kraftfahrwesen mbH Aachen (FKA) entwickelte Thesenpapier stellt in guter akademischer Tradition kurz, prägnant und fokussiert fünf Szenarien der Paketzustellung auf der letzten Meile zur Disposition.

Eine zentrale Rahmenbedingung ist in allen Szenarien der Wunsch der Paketempfänger nach einer flexiblen, schnellen und individuellen Zustellung. Die Relevanz der autonomen Systeme liegt dabei klar auf der Hand. Teilautonome Fahrzeuge können demnach den Zusteller auf der letzten Meile entlasten. Auf lange Sicht seien Zustellkonzepte mit einem hohen Automatisierungsgrad denkbar.

Die meisten Szenarien des Thesenpapiers kreisen gewissermaßen um den Zusteller. Die Experten der FKA sehen ihn auf mittlere Sicht stets auch in der Rolle des Fahrers. Deshalb kommt dem teilautonomen Zustellfahrzeug, bei denen der Fahrer nicht ständig die Hand am Lenkrad haben muss, eine wichtige Bedeutung zu. Indem es den Fahrer von ermüdenden Fahraufgaben bei der Fahrt vom Depot ins Liefergebiet entlastet, schafft es zusätzliche Kapazitäten für den Zusteller.

Auch das Platooning machen die Aachener Wissenschaftler als Einsatzfeld für die letzte Meile aus. In der ersten Phase müsste natürlich in allen Fahrzeugen eines Platoons ein Fahrer an Bord sein. Am Depot könnten sich dann mehrere Zustellfahrzeuge zu einer gemeinsamen Fahrt über Autobahn und Schnellstraße zusammentun und einen Treffpunkt außerhalb der Stadt ansteuern. Von dort aus ginge es dann zur regulären Zustellung in die Innenstadt.

Einen interessanten Ansatz für neue Lieferkonzepte ermöglicht die Technologie des Parklotsen, die heute schon in diversen Oberklasse-Limousinen zur Wahl steht. Das DPD-Papier geht davon aus, dass sich das Technikpaket mit Sensoren, Bordrechner und elektrisch unterstützter Lenkung in vergleichsweise kurzer Zeit so weit ausbauen lässt, dass sich ein Fahrzeug auf der Suche nach einer Parklücke über eine kürzere Strecke autonom bewegen kann. Mit dieser Fähigkeit ausgestattet, ließe sich ein Zustellfahrzeug effizient auf der letzten Meile einsetzen.

Der Zusteller könnte dann die ersten Pakete ausliefern, während der autonome Parklotse einen Stellplatz sucht. Das Fahrzeug selbst findet der Zusteller später mittels GPS über eine Anzeige auf seinem Handscanner wieder. Das Konzept ist einfach, aber effizient. Der Zusteller spart sich die zeitaufwändige Suche nach einem Abstellplatz für sein Fahrzeug. Die FKA rechnet mit einer Zeitersparnis durch autonome Parkvorgänge von bis zu 40 Minuten am Tag.

Das Thesenpapier zeigt das Potenzial von Zukunftstechnologien in der Paketzustellung auf. Allerdings kommen – wie fast immer im Diskurs über autonome Systeme – stets auch rechtliche Aspekte als limitierende Faktoren ins Spiel. Das gilt vor allem für das autonome Fahren in der Innenstadt. Der autonome Helfer für die letzte Meile, den das Thesenpapier als eigenständiges Szenario beschreibt, ist in diesem Sinn ein Vorgriff auf die fernere Zukunft.

Das Modell sieht einen autonomen Kleinsttransporter mit einer Ladekapazität von 15 bis 20 Paketen vor, der in Fußgängerzonen zum Einsatz kommen soll. Das Wägelchen folgt dem Zusteller mit Schrittgeschwindigkeit auf den Fuß oder fährt autonom zur nächsten Zustelladresse voraus. Stationieren ließe sich der Mini-Transporter zum Beispiel im Warenlager eines kooperierenden Kunden. Die Beladung erfolgt aus dem außerhalb der Fußgängerzone geparkten Lieferfahrzeug. Für die Beladung des autonomen Helfers ist wiederum der Zusteller zuständig.

Ganz ohne Fahrer und Zusteller kommt das Modell des Zustellfahrzeugs als mobile Abholstation aus. Das Konzept erinnert an die bereits von Google patentierte mobile Packstation. Ähnlich wie diese besitzt das Lieferfahrzeug eine Ausgabeklappe für Pakete an der Seite. Das autonome Fahrzeug steuert den Zustellort an, parallel dazu erhält der Empfänger über eine DPD-App die Info über die Ankunft des Zustellfahrzeugs. Vor Ort entnimmt der Kunde das Paket nach der Autorisierung über die App oder das Eingabefeld am Fahrzeug. Auch Retouren sollen auf diese Weise möglich sein. Einen rechtssicheren Serienbetrieb für dieses Modell erwarten die Experten aus Aachen ab dem Jahr 2025.

Der gleiche Zeithorizont gilt für das Konzept des autonomen Kurierfahrzeugs. Das FKA beschreibt hier ein kleines Fahrzeug, das der Empfänger frei steuern kann. Das Fahrzeug würde über mehrere Stunden am Tag in einem bestimmten Liefergebiet unterwegs sein und Pakete ausliefern. Die Empfänger könnten das Auto per App nach ihren Präferenzen an die gewünschte Adresse fernsteuern und sich das Paket über die integrierte Ausgabeklappe aushändigen lassen. Argumente für dieses Modell sind größtmögliche Flexibilität und Komfort für den Kunden. Da sich dieser Service in Zukunft kaum zum Nulltarif darstellen ließe, dürfte das Fahrzeug nur bei teuren Waren oder als kostenpflichtiger Premium-Service in Frage kommen.

Das DPD-Thesenpapier beschreibt zwar keinen Königsweg für die Paketzustellung auf der letzten Meile. Den gibt es vermutlich auch gar nicht. Am Ende muss jeder Dienstleister eigene Wege gehen. Gefragt sind dabei sinnvolle, nützliche und vor allem machbare Konzepte. Wie es heißt, will der Paketdienst aus Aschaffenburg bereits nächstes Jahr in den Städten Hamburg, Karlsruhe und Ludwigsburg ein Pilotprojekt mit teilautonomen Fahrzeugen starten.

Im Mittelpunkt sollen Zustellfahrzeuge mit einer automatischen Parkfunktion stehen. Wie im Thesenpapier beschrieben, parkt das Fahrzeug ein, während der Zusteller mit dem Paket den Empfänger aufsucht. Hersteller und Marke des Zustellfahrzeugs stehen noch nicht fest. Wissenschaftlich begleitet wird das Projekt von der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen (RWTH).

Text: Joachim Geiger // Bild: DPD

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