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Platooning – Europäischer Aufbruch zum vernetzten Lkw

2015-0701-DAF-Truck-PlatooningAnfang April findet erstmals ein europaweiter Feldversuch zum Platooning auf öffentlichen Straßen statt. Das Fahren von elektronisch gekoppelten Lkw im Konvoi gilt als eine Möglichkeit, durch eine verbesserte Aerodynamik den Spritverbrauch zu senken. Es könnte aber auch dazu führen, dass der begrenzte Straßenraum besser genutzt wird. Kritiker sehen die Sicherheitsfrage in Bezug auf den übrigen Verkehr als unzureichend geklärt.

Initiiert wurde das Projekt „EU Truck Platooning Challenge“ von den Holländern, die derzeit die EU-Ratspräsidentschaft innehaben. Sie nutzen diese Gelegenheit, um ihnen wichtig erscheinende Themen, voranzutreiben. Nicht nur Daimler und MAN sind dem Ruf gefolgt. Auch DAF, Iveco, Scania und Volvo beteiligen sich an einer Sternfahrt, die durch fünf europäische Länder führt. Die beiden deutschen Unternehmen starten von Stuttgart und München aus, Scania im schwedischen Södertälje, Volvo in Göteborg. Von Westen her stoßen Iveco aus Brüssel und DAF aus dem belgischen Westerlo dazu. Gemeinsamer Zielpunkt ist Rotterdam, wo die Platoons am 6. April eintreffen sollen.

Das Ganze ist erst einmal ein bescheidener Versuch, bestehen die Kolonnen doch nur aus zwei Lkw, von denen der eine im Windschatten des anderen fährt. Sie stehen in engem Datenkontakt, so dass der Fahrer im zweiten Fahrzeug weder beschleunigen, bremsen oder steuern muss. Das soll nicht zuletzt die Sicherheit erhöhen und durch konstante Geschwindigkeiten den Verkehrsfluss verbessern. Soll sich das Konzept durchsetzen, müsste aber wohl eher eine richtige „Elefantenherde“ zusammengestellt werden, damit die erwünschten Treibstoffspareffekte auch tatsächlich eintreten. Diese könnten nach Einschätzung des holländischen Verkehrsministeriums 5 bis 15 Prozent betragen. Dementsprechend verringert sich auch der CO2-Ausstoß.

Schon im Vorfeld der Sternfahrt setzt Daimler Trucks ein Zeichen und plant die vollständige Vernetzung der Lkw mit den Transportbeteiligten. Zur Demonstration der künftigen Möglichkeiten schickte der Konzern drei miteinander über WLAN vernetzte Lkw als Platoon mit Straßenzulassung zur Weltpremiere. Die A52 bei Düsseldorf diente als Vorführstrecke für den autonom fahrenden Konvoi, der laut Daimler sieben Prozent des Kraftstoffs und knapp die Hälfte der normalerweise notwendigen Fahrbahnfläche auf der Autobahn benötigte. Möglich wird dies durch einen Abstand von 15 Metern zwischen den Fahrzeugen, das ein System namens Highway Pilot Connect ermöglicht und die Lkw in einem aerodynamisch optimalen und vollautomatischen Verbund fahren lässt.

Rund eine halbe Milliarde Euro will das Unternehmen bis zum Jahr 2020 in diesen Bereich investieren. Bereits heute seien nach Angaben des Lkw-Bauers 365.000 Daimler Nutzfahrzeuge vernetzt unterwegs. In Zukunft sollen es noch mehr werden. Daimler verspricht sich und auch Fahrern, Spediteuren und Fahrzeugherstellern durch diese Entwicklung einen Leistungsschub, da vernetzte Lkw die Nutzung von bisher nicht ausgeschöpften Potenzialen ermöglichen würden. „Wir schaffen ein neues, hochleistungsfähiges und offenes Logistik-Netzwerk.“ sagte Daimler Trucks & Daimler Buses Chef Wolfgang Bernhard.

Viele Fragen sind bislang allerdings ungeklärt. So ist noch offen, wie die Einsparungen unter den Teilnehmern der Platoon berechnet und aufgeteilt werden, denn schließlich schluckt der Leit-Lkw am meisten Sprit. Aber auch das Zusammenspiel mit dem übrigen Verkehr muss noch näher definiert werden, hier werden neue Gesetze und Regeln gebraucht. Professor Karlheinz Schmidt vom Bundesverband Güterkraftverkehr Logistik und Entsorgung (BGL) gibt zu bedenken, dass die  Auf- und Abfahrten im deutschen Autobahnnetz oftmals nur 150 Meter zum Einfädeln bieten und somit nicht wirklich geeignet seien. „Bevor man mit so etwas beginnt, sollte es erst einmal eine car-to-car-Kommunikation mit schnellem Internet im Mikrosekundenbereich geben“, sagt er. Ungewiss ist auch, wie sich das halbautomatisierte Fahren mit den Lenk- und Ruhezeiten vereinbaren lässt. In Holland jedenfalls sind die Gewerkschaften in Alarmbereitschaft.

Gemanagt vom Ministerium für Infrastruktur und Umwelt wollen die Niederländer die Platoons der Verwirklichung einen Schritt näher bringen und plädieren für die Kooperation von Mitgliedstaaten und Unternehmen in Bezug auf grenzüberschreitende Verkehre, technische Fragen und einheitliche politische Zielsetzungen. „Die Nutzfahrzeugindustrie, Forschungseinrichtungen und Behörden müssen als Pioniere zusammen agieren“, betont die niederländische Verkehrsministerin Melanie Schultz van Haegen. Sie setzt auf den internationalen Dialog, den Austausch von Erkenntnissen und praktischer Erfahrung.

Das Nachbarland will sich aber auch als Testfeld für autonomes Fahren positionieren. Seit Juli 2015 gibt es dort die gesetzlichen Rahmenbedingungen, die entsprechende Möglichkeiten auf Autobahnen und untergeordneten Straßen eröffnen. Die Platooning-Sternfahrt zeichnet sich jedenfalls durch gutes Timing aus, denn zur gleichen Zeit findet in Amsterdam die Verkehrsmesse Intertraffic statt, die sich als die weltweit größte Innovationsplattform für Mobilitätslösungen sieht. Hier sollen die Trucks dann am 7. April auflaufen und für einen Programmpunkt sorgen. Die Holländer streben nach eigenem Bekunden eine führende Rolle im Bereich „smart mobility“ an.

Wenn MAN am 4. April von München aus seine beiden Fahrzeuge auf den Weg nach Rotterdam schickt, nutzt das Unternehmen die Gelegenheit, um über den Wandel der Nutzfahrzeug-Industrie, aber auch über die Umsetzung des Truck2Truck-Konzeptes zu informieren. Außerdem steht auch in Bayern Prominenz hinter dem Platooning-Konzept: Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt hat dem Unternehmen zufolge zugesagt, die Ampel für die beiden Trucks von Rot auf Grün zu stellen.

Autoren: Regina Weinrich, Jana Bronsch
Fotos: DAF, Daimler Trucks

Autor
Jana Bronsch
Kommentare: ( 1 )
  1. Hier ein Beispiel für eine Anwendung im urbanen Raum: Ein Forschungsprojekt für den Einsatz Mobiler multifunktionaler urbaner Logistik-Plattformen mit elektrischem Antrieb MULEs für die nachhaltige Güterlogistik in Städten:
    energie-umwelt.at/MULE/mule

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