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Paketlieferungen per Boot

Entwurf des „Roboat“ in den Grachten Amsterdams

In Amsterdam nimmt derzeit ein Zukunftsprojekt für die letzte Meile Gestalt an, das eine völlig neue Kategorie von Fahrzeugen ins Spiel bringt. Roboat ist ein autonom fahrendes Frachtboot, das auf den Grachten der Hauptstadt im Waren- und Personenverkehr zum Einsatz kommen soll.

Wie die Preview der ZF-Zukunfsstudie „Die letzte Meile“ auf der IAA in Hannover deutlich gezeigt hat, ist, dass die Wahl der optimalen Transportmittel für die letzte Meile immer auch von den lokalen Gegebenheiten abhängt. Für die Altstadt in Düsseldorf könnte sich demnach ein kleiner Elektrolaster anbieten, wie ihn die Deutsche Post gerade auf die Räder gestellt hat. Für die Gassen im Zentrum von Köln oder die Einkaufsviertel in Hamburg wäre ein Lastenrad eine gute Wahl. Das Repertoire an innovativen Transportmitteln ist damit aber noch nicht ausgeschöpft.

In Amsterdam wird bald eine neue Kategorie von Fahrzeugen auf der letzten Meile zum Einsatz kommen. Die Rede ist von autonomen Frachtbooten, die zum Transport von Waren und Menschen die Wasserstraßen der niederländischen Hauptstadt unter den Kiel nehmen könnten.

Tatsächlich ist Amsterdam mit seinem Grachtengürtel das ideale Terrain für diesen logistischen Ansatz. Die Kanäle nehmen zusammen knapp ein Viertel der Fläche der Metropole ein und sind auf einer Länge von rund 80 Kilometern befahrbar. Dass sich der Warenverkehr auf die Wasserstraße verlegen ließe, ist natürlich keine neue Idee. Schließlich waren die Grachten in der Vergangenheit genau zu diesem Zweck in Gebrauch.

Neu ist allerdings das Konzept des autonomen Wasserfahrzeugs für die Stadt. Das auf fünf Jahre angelegte und mit einem Etat von 25 Millionen Euro ausgestattete Forschungsprogramm „Roboat“ schreibt sich die Entwicklung einer Flotte autonomer Boote auf die Fahne.

Derzeit tüfteln Forscher der niederländischen Universitäten Delft  und Wageningen sowie des Massachusetts Institute of Technology (MIT)  unter Federführung des Amsterdam Institute for Advanced Metropolitan Solutions (AMS Institute) an einem Prototypen, der nächstes Jahr erste Tests absolvieren soll.

Details zu Design, Antrieb und zum autonomen System der Boote sind heute noch nicht zu haben. Klar ist immerhin, dass die in den ersten Entwürfen als Plattform angelegten Fahrzeuge den Transport von Paketen und Fahrgästen erlauben. Dabei verstehen die Forscher ihr Projekt nicht einfach als Pendant zu den autonomen Straßenfahrzeugen.

Roboat soll vor allem durch seine Vielseitigkeit punkten. Die Boote sollen mit Sensoren ausgestattet werden, mit denen sich Daten zu Wasserqualität und Lärmemissionen sammeln lassen. Mit dem Fahrzeug ließen sich Krankheitserreger im Wasser rechtzeitig erkennen, Müll aus den Grachten entfernen und sogar eine dynamische Infrastruktur realisieren.

In der Praxis würde das bedeuten, dass sich mehrere Boote zu einer Behelfsbrücke über einen Kanal zusammenschließen, die sich in kurzer Zeit einrichten und wieder abbauen ließe. Denkbar wäre eine solche Brücke etwa bei Veranstaltungen mit zahlreichen Menschen, um damit Verkehrsspitzen effizient abzubauen.

Das Projekt ist im aktuellen Stadium auf die Stadt Amsterdam zugeschnitten. Die niederländische Hauptstand hat seit Jahren ambitionierte Ziele in Sachen Klimaschutz. Auf der Agenda stehen – bezogen auf das Stichjahr 1990 – eine Reduktion des CO2-Ausstoßes um 40 Prozent sowie eine Senkung des Energieverbrauchs um 20 Prozent bis zum Jahr 2025.

Ein Markenzeichen der Stadtentwicklung ist das Konzept der Amsterdam Smart City. Dahinter steht die Idee, die Stadt gewissermaßen als urbanes Experimentierfeld (Urban Living Lab) zu Themen wie Leben, Arbeiten, Mobilität und öffentlicher Raum zu nutzen. Roboat dürfte sich daher als neues Projekt für die Smart City empfehlen.

Die Forscher gehen bei ihrem Konzept für Roboat übrigens von der Annahme aus, dass rund 80 Prozent der globalen Wirtschaftsleistung in der Nähe von Küsten, Flussufern und Mündungen erzeugt werden. Gleichzeitig würden rund 60 Prozent der Weltbevölkerung genau in diesen Regionen leben. Roboat ist daher nicht nur auf die niederländische Hauptstadt beschränkt. Das Projekt soll vielmehr eine Referenz für logistische, wirtschaftliche und ökologische Lösungen in allen Großstadtregionen dieser Welt werden.

Ein Partner im Roboat-Projekt ist zum Beispiel die Stadt Boston an der Ostküste der Vereinigten Staaten. Die 600.000-Einwohner-Metropole sucht derzeit nach Lösungen, wie man dem steigenden Wasserpegel in der Region begegnen kann. Ein autonomer Alleskönner wie das Roboat könnte dazu ein Ansatz sein. Aber auch für den Kurzstreckenverkehr an Küsten und auf Flüssen dürfte das Roboat eine Blaupause abgeben. Deutschland mit einem gut ausgebauten Netz an Bundeswasserstraßen wäre dazu ein geeigneter Kandidat.

Text: Joachim Geiger  //  Bild: MIT Senseable City Lab / AMS

 

Autor
Joachim Geiger

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