« | »

Lernfeld Zukunft

Prof. Uwe Clausen im ZF Innovation Truck auf der IAA 2016

Im Rahmen des IAA-Kongresses „Urbane Logistik der Zukunft“ gab Professor Uwe Clausen in einem Vortrag erste Ergebnisse der ZF-Zukunftsstudie zum Transport auf der letzten Meile bekannt.

Die Zukunft ist für Logistiker in der Regel keine Planungsgröße zur Gestaltung des Tagesgeschäfts. Wenn sie aber mit Siebenmeilenstiefeln näher rückt, kann schnell Handlungsbedarf entstehen. Schon heute sind in der Logistik neue Technologien, Kundenbedürfnisse und Rahmenbedingungen im Spiel, die vor wenigen Jahren selbst Experten nicht auf dem Schirm hatten.

Dabei spielt die Musik für Logistiker zunehmend auf der letzten Meile. Genau dort verdichten sich in Zukunft die Entwicklungen und Konzepte. Für Spediteure und Transportdienstleister stellt sich daher die Gretchenfrage, wie sich die Veränderungen nutzbar machen lassen, um neue Geschäftsfelder zu erschließen sowie alte und neue Kunden optimal bedienen zu können. Die Logistiker müssen also gewissermaßen aus der Zukunft lernen. Die dazu nötigen Fakten und Prognosen will die ZF-Zukunftsstudie 2016  zum Warenverkehr auf der letzten Meile liefern.

Die ZF-Zukunftsstudie 2016 stellt den Zustellprozess zum Kunden auf der letzten Meile in den Fokus. Aber was ist in den Begriffen der Studie überhaupt Zukunft? Die Analysen und Prognosen der Fraunhofer-Forscher beziehen sich auf die nächsten zehn bis 15 Jahre. Der Zeitrahmen ist damit so nah an der Gegenwart dran, dass er sich noch mit den Kategorien von heute beschreiben lässt. Mit anderen Worten: Die ZF-Zukunftsstudie 2016 hat die nötige Bodenhaftung, um ein schlüssiges Bild der nahen Zukunft zu entwerfen.

Die Wissenschaftler des Fraunhofer IML  ziehen dazu alle Register der Trend- und Zukunftsforschung. Hier kommt unter anderem die Szenario-Technik zum Einsatz, die quantitative Daten mit qualitativen Informationen verbindet. Der dazu nötige Input reicht von der Literaturrecherche über die Einbeziehung öffentlicher Statistiken bis hin zu Interviews mit externen Experten für alternative Antriebe, autonomes Fahren und Elektromobilität.

ZF-Zukunftsstudie_follow-me

Auch den Begriff der letzten Meile stellen die Fraunhofer-Forscher in ihrer Studie auf den Prüfstand. Demnach ist die letzte Meile längst kein starres Gebilde. Ihre Form und Gestalt unterscheidet sich von Stadt zu Stadt. Sie hängt von der Umgebung, der Dichte der Besiedelung und dem Verkehrsaufkommen ab. Eine wichtige Rolle spielen dabei die Beschränkungen der Städte und Kommunen für den Lieferverkehr. Schon heute gibt’s in Europa rund 500, in Deutschland knapp 100 Städte, die mit handfesten Restriktionen für die Einfahrt in Umwelt- und Fußgängerzonen aufwarten. Dieser Trend wird sich in naher Zukunft noch verstärken.

Andererseits nehmen auch die Endkunden einen enormen Einfluss auf die Logistik. Die Studie weist ihnen hier eine ausgesprochen gewichtige Rolle zu. Es sind nämlich die Bedürfnisse der Endkunden, die über die Gestaltung des Transports auf der letzten Meile entscheiden. Verändern sich diese Bedürfnisse, verändert sich auch Form und Struktur der dort ablaufenden Prozesse.

Die ZF-Zukunftsstudie 2016 macht vor allem die demographischen Verschiebungen in der Gesellschaft und ein verändertes Einkaufsverhalten als maßgebliche Treiber für diese Entwicklung aus. Die Menschen werden deutlich älter, leben aber auch immer öfter allein in einem Haushalt. Sie gehen nicht mehr zum Supermarkt um die Ecke, sondern bestellen ihren täglichen Bedarf im Online-HandelJüngere Kundengruppen wiederum entwickeln zunehmend einen Bedarf nach Convenience-Produkten (Fertiggerichte).

Hier wie dort gehen die Online-Orders mit hohen Erwartungen der Besteller einher. Die Lieferungen sollen schließlich innerhalb weniger Stunden frisch und mit der richtigen Temperatur an der Haustür ankommen. Diese Veränderungen der Gesellschaft und der Kundenbedürfnisse sind mit den heutigen Mitteln und Methoden der Logistik nicht zu schaffen. Eine gut funktionierende letzte Meile braucht demnach neue Konzepte und Spielräume. Der Schlüssel dazu sind technische Innovationen.

Eine neue Dimension der Zustellung könnten der Studie zufolge kleine autonome Roboter eröffnen. Sie sind nicht auf die Straße angewiesen und nutzen den Bürgersteig als Infrastruktur. Damit tragen sie zur Entlastung des Verkehrs bei. Einer Karriere der Zustellroboter in der Logistik stehen nach Ansicht der Forscher allerdings noch Akzeptanzprobleme bei den Empfängern und technische Hürden bei der Interaktion entgegen.

ZF-Zukunftsstudie_CarCity

Auch den Transportdrohnen räumt die Studie nur in bestimmten Nischen eine Perspektive ein. Hier geht es um zeitkritische Warenlieferungen, eventuell kombiniert mit räumlich bedingten Hindernissen. Generell gilt bei diesem Transportmittel das Primat der Sicherheit. Der Einsatz von Drohnen könnte daher in bestimmten Regularien stattfinden, die luftverkehrs- und haftungsrechtlich gut abzusichern sind.

Dass die ZF-Zukunftsstudie 2016 den autonomen Fahrzeugen und der Elektromobilität einen hohen Stellenwert einräumt, bestätigt den auch auf der IAA vielfach erkennbaren Techniktrend. Interessanter sind aber die Schlussfolgerungen der Wissenschaftler für die letzte Meile. Sie sehen autonome Lieferwagen auch in diesem Abschnitt der Lieferkette im Einsatz. Also genau dort, wo sich dichter, komplexer und heterogener Verkehr konzentriert. Die Szenarien der Fraunhofer-Forscher für diesen Bereich sind in der Tat faszinierend. Denkbar wäre zum Beispiel, dass in Ballungszentren Lagerfahrzeuge mit gefragten Gütern an Bord zirkulieren, die eine Same-Day- oder Same-Hour-Lieferung unterstützen. Diese Fahrzeuge hätten dann auch einen Elektromotor an Bord, da die letzte Meile ohnehin emissionsfrei und leise bedient werden wird. Die Elektrofahrzeuge würden auch einer Verlagerung von Transporten in Tagesrandzeiten oder in die Nacht einen kräftigen Schub geben. Hier stünde ein deutlicher Zuwachs an Sicherheit zu erwarten, zudem würden Stoßzeiten und Parken in zweiter Reihe weit gehend entfallen.

Abseits der „Glaskugelfunktion“ einer Zukunftsstudie geben die Forscher der Logistik mit ihren Erkenntnissen wichtige Impulse. Welche Handlungsanleitungen letztlich daraus abzuleiten sind, wie sich Logistik sauberer und effizienter gestalten lässt und wie sich bestehende Geschäftsmodelle an die Herausforderungen der Zukunft anpassen lassen – alles das wird das Studienteam am Ende in differenzierter Form herausarbeiten.

Um auch die Politik mit ins Boot zu holen, soll die Endfassung der ZF-Zukunftsstudie auch dem Verkehrsausschuss des Deutschen Bundestags  vorgestellt werden.

 Text: Achim Geiger  //  Foto: Norbert Böwing  //  Grafik: ETM CP

 

Autor
Joachim Geiger

Kommentar hinzufügen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *