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Gütertransport unter der Erde

Bild-fuer-Blog-KW-6_CST-Fahrzeug_futuristisch_3_optMit dem Konzept „Cargo sous terrain“ sollen Güter zukünftig durch Tunnelsysteme von A nach B kommen.

In der Schweiz der Zukunft werden keine Lkw-Fahrer mehr gebraucht. Zumindest nicht, wenn man das kürzlich vorgestellte Konzept „Cargo sous terrain“ (CST) konsequent zu Ende denkt. „Güter unter die Erde“, so könnte man den eleganten Namen eindeutschen, unter dem die maßgeblich vom Einzelhandel unterstützte Tunnel-Initiative das Licht der Öffentlichkeit erblickte. Ihr Motto: „Menschen oberirdisch – Güter unterirdisch“.

In der Schweiz der Zukunft verkehren unbemannte Transportfahrzeuge in 50 Metern Tiefe dreispurig rund um die Uhr, nehmen an Rampen Ladung auf oder geben sie ab. Platz finden zwei Paletten oder andere Behälter, eine dreispurige Paket-Hängebahn an der Decke des Tunnels sorgt dafür, dass kleinere Güter doppelt so schnell, nämlich mit 60 km/h, transportiert werden. Alles elektrisch, alles vollautomatisch, Hubs entlang der Strecke dienen als Schnittstellen zu anderen Verkehrsträgern, dabei soll eine nahtlose IT-Integration in die Geschäftsprozesse von Logistikfirmen erfolgen. Keine Staus, keine Verspätungen, keine CO2-Probleme, kein Fahrermangel.

Alles heiße Luft? Offenbar nicht so ganz, denn immerhin stehen die Chefs von Coop, SBB, Rhenus Alpina und Swisscom hinter dem Projekt. Auch Die Post, die Stadt Zürich und das Schweizer Verkehrsministerium sind im Förderverein dabei. Eine Studie habe klare Vorteile von CST gegenüber aktuellen Transportsystemen in Bezug auf Luftqualität, Lärm, Raumnutzung sowie Gesundheitskosten ergeben, betonen die Initiatoren.

Und wirtschaftlich attraktiv sei das Ganze auch, unterstreicht Fördervereinspräsident Peter Suterlütti. Denn das Nachtfahrverbot auf der Straße könnte so umgangen werden. In der Schweiz wird zudem mit einem satten Verkehrswachstum gerechnet, das zwischen 2010 und 2030 bis zu 45 Prozent erreichen könnte. Wo soll das alles hin, wenn nicht unter die Erde? Staus verursachen derzeit jährlich Kosten in Höhe von umgerechnet mehr als einer Milliarde Euro. Suterlütti geht von einer privatwirtschaftlichen Finanzierung aus. In den kommenden Monaten soll ein Businessplan entwickelt und mit Investoren gesprochen werden.

Die Zukunft soll dann 2030 beginnen. Bis dahin soll als erster Schritt eine etwa 70 Kilometer lange Strecke im Schweizer Mittelland zwischen Härkingen-Niederbipp und Zürich gebaut werden und Produktions- und Logistikstandorte mit dem Ballungsraum verbinden. Die Investitionen hierfür werden auf umgerechnet 3,2 Milliarden Euro geschätzt. Dabei geht es nicht nur um eine neue Infrastrukturkomponente. Als Gesamtlogistikanbieter soll CST den Kunden ein End-to-End-System ab Rampe bis zum Empfänger bieten. Die Schweiz ohne Lkw-Chauffeure? Nicht so ganz. In den Innenstädten nämlich wird auf „umweltschonende Fahrzeuge“ gesetzt.

Hier aber, in den Ballungsgebieten, will Dietrich Stein, emeritierter Professor für Leitungsbau an der Ruhr-Universität Bochum, unter die Erde. Er hält es für Irrsinn, dass Lkw sich im Stau durch Städte schieben. Gerade hier sei Automatisierung angesagt, denn Fahrer seien knapp und würden anderswo gebraucht. Stein hat mit einer Forschungsgruppe das Konzept „Cargocap“ entwickelt, bei dem Waren mit etwa 36 Stundenkilometern automatisch und computergesteuert unablässig durch unterirdische Fahrrohrleitungen vorwärts rollen. Aus Bochum nämlich stammt die vor 20 Jahren entwickelte „Ur-Idee“ des unterirdischen Gütertransports.

Ihre Umsetzung ist weniger aufwendig als die Schweizer Lösung. Eine Röhre von maximal 2,80 Metern Durchmesser könnte ausreichen – die Schweizer brauchen sechs Meter – und würde in geringer Tiefe, beispielsweise unterhalb von Versorgungsleitungen, realisiert. In eine der Transportkabinen („Cap“) passen ebenfalls zwei Paletten. Dank seiner geringen Größe sei Cargocap aber wesentlich flexibler, erläutert der Ingenieur. Und billiger wäre es natürlich auch.

Die Schweizer sind grandiose Tunnelbauer. Was Stein vorhat, entspricht lediglich dem gängigen Verlegen eines dicken Abwasserrohrs ohne zu graben, im Rohrvortrieb. „Wir können morgen anfangen und weltweit neue Maßstäbe setzen“, sagt er. Eine erste große Strecke von Dortmund nach Duisburg ließe sich innerhalb von sechs Jahren fertigstellen. Von dort aus würde dann die weitere Vernetzung aller angrenzenden Städte erfolgen. Für die Fahrer blieben damit die längeren Strecken im Programm. Die mühsame Feinverteilung erfolgt maschinell. Und mit kleineren Rohrdurchmessern lasse sich nahezu jede Küche erreichen: „Die Technik dazu ist da.“

Text: Regina Weinrich

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