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Einladung zur Fahrgemeinschaft

Platooning“ gibt es derzeit auf deutschen Autobahnen nur in anarchischer Form. Das sind dicht an dicht fahrende Lkw, zufällige und temporäre Zusammenschlüsse von Einzelkämpfern. Alle haben das Ziel, möglichst schnell viele Kilometer zu klopfen. Auf der Strecke bleibt bei dieser Motivation die Sicherheit.

Die elektronische Deichsel als modernste Form der Kolonnenfahrt folgt dagegen anderen Regeln. Hier bilden mehrere teilautomatisierte Nutzfahrzeuge eine Fahrgemeinschaft, die sich Sicherheit und Wirtschaftlichkeit der Teilnehmer auf die Fahne schreibt. Das erste Fahrzeug gibt mit der Wahl von Spur und Geschwindigkeit den Takt an. Die folgenden Fahrzeuge fahren im Kraftstoff sparenden Windschatten des Vordermanns hinterher. Das kann perfekt funktionieren, wie die unter niederländischer Schirmherrschaft stehende European Truck Platooning Challenge mit Teilnehmern aus Schweden, den Niederlanden, Dänemark, Belgien und Deutschland im Frühjahr gezeigt hat. Das Platooning ist demnach die logische Anwendung für Nutzfahrzeuge in den verschiedenen Ausbaustufen des automatisierten und autonomen Fahrens.

Allerdings muss der technologische Fortschritt in der automobilen Hardware nicht zwangsläufig zu einem Verkehrsmodell führen, in dem sich Lkw elektronisch vernetzen. Was bislang aussteht, ist eine Definition der Regeln und Spielformen für das Platooning. Die Liste für den Klärungsbedarf enthält technische, aber auch juristische und wirtschaftliche Fragen. Wie viele Fahrzeuge definieren zum Beispiel ein Platoon? Welche Standards gelten für die sichere Kommunikation per Funk zwischen den Fahrzeugen? Wie funktionieren Zusammenschluss, Auflösung und Re-Organisation des Platoons auf der Autobahn? Wie groß muss der Sicherheitsabstand zwischen den Teilnehmern sein? Welche Geschwindigkeiten sind erlaubt? Darf ein Platoon auch bei Regenwetter und Minusgraden fahren? Gemeinsam durch einen langen Tunnel schnüren? Wichtig wären Regeln, die für die Fahrt durch die deutschen Bundesländer, aber auch im EU-Ausland gelten.

Das Platooning könnte auf mittlere Sicht eine neue Fahrzeugkategorie begründen. Die Eigenart eines elektronisch gekoppelten Lkw-Verbunds besteht nämlich darin, dass nur das vordere Fahrzeug die Richtung und Dynamik bestimmt. Die folgenden Einheiten reagieren dagegen stets synchron zum Führungsfahrzeug. Tritt der Fahrer im vorderen Lkw auf die Bremse, bremst mit minimaler Verzögerung auch der ganze Verbund. Das Platoon verhält sich demnach wie ein einziges Fahrzeug. Dabei spielt es keine Rolle, ob sich zwei, drei oder vier Lkw darin befinden. Technisch gesehen handelt es sich bei diesem Verbund um einen Lang-Lkw. Mit dem Unterschied, dass diese Fahrzeugkombination jeden Gigaliner locker in den Schatten stellt. Die Gegner des Lang-Lkw werden früher oder später das Platooning aufs Korn nehmen. Argumente für oder gegen die gekoppelte Kolonne könnte der bis Ende 2016 terminierte Feldversuch mit Lang-Lkw des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur liefern. Das Projekt soll handfeste Erkenntnisse zu den Auswirkungen auf Umwelt, Verkehrssicherheit und Infrastruktur beisteuern.

Eine wichtige Rolle für den Erfolg des Platoonings wird seine Akzeptanz bei den Transportunternehmen spielen. Die Unternehmensberatung Roland Berger kommt in ihrer im April veröffentlichten Studie über die Zukunft des autonomen Nutzfahrzeugs zu dem Ergebnis, dass zunächst die Betreiber großer Flotten von diesem Modell profitieren. Diese hätten die Möglichkeit, einen Verbund aus eigenen Fahrzeugen zu bestücken. Zudem seien die Teilnehmer eher bereit, auf die vorgesehenen Partner zu warten, wenn sich die Zusammenstellung des Platoons verzögert. Im Vergleich dazu hätten Einzelfahrer und kleinere Unternehmen eher das Problem, den richtigen Partner für ein Platoon zu finden. Dabei spielen laut Studie der Zeitdruck und der Wettbewerb eine wichtige Rolle.

Interessant könnte in diesem Fall das Geschäftsmodell werden, bei dem ein Platoon Service Provider das Management eines Platoons übernimmt. Der Dienstleister wäre dann für die Zusammenstellung ebenso zuständig wie für die Betreuung während der Fahrt. Hat ein Teilnehmer seinen Auftrag beendet, loggt er sich für die nächste Runde wieder beim Service Provider ein. Kommt das Platooning, dürfte sich die verkehrspolitische Gretchenfrage stellen, ob ein effizienter Verbund zu einer Verlagerung des Ladungsaufkommens von der Schiene auf die Straße führen könnte. In einer Hinsicht zieht die Bahn jetzt übrigens mit den Nutzfahrzeugherstellern gleich. Wie es heißt, will der Konzern in einigen Jahren Züge ohne Lokführer auf die Schiene schicken. Das Duell heißt dann: der autonome Lkw gegen den autonomen Güterzug.

Text: Joachim Geiger / Bild: Fotolia/chesky

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admin

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