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Einfach schneller einkaufen

Mit „Amazon Go“ bringt der Internetkonzern aus Seattle jetzt ein neues Geschäftsmodell auf den Markt, das die physische Welt des Ladengeschäfts mit der virtuellen Welt des Internets verbindet. Macht das Konzept Schule, gehören die klassischen Bezahlsysteme im Supermarkt bald der Vergangenheit an.

Der Einzelhandel ist in naher Zukunft eine maßgebliche Instanz für Logistiker, wenn es darum geht, die eigenen Geschäftsmodelle an die Herausforderungen des gesellschaftlichen Wandels anzupassen. Das setzt allerdings voraus, dass Logistiker ein feines Gespür für die Bedürfnisse ihrer Kunden entwickeln. Wenn sich der Handlungsrahmen für den Handel verändert, hat das handfeste Auswirkungen auf die Spielräume der Logistik. Besonders deutlich wird das in den großen Städten im Hinblick auf die Convenience- und Frischelogistik.

Wie die ZF-Zukunftsstudie „Die letzte Meile“  zeigt, steht der stationäre Handel längst vor der Aufgabe, auf die Umwälzungen durch den E-Commerce mit neuen Konzepten für den Einkaufsprozess in der Innenstadt zu reagieren. Gefragt sind Geschäftsmodelle, die dem Abwandern der Kunden in die Onlinewelt entgegenwirken.

Ein Trend im Lebensmitteleinzelhandel ist der „Urban Convenience Store“. Der Begriff bezeichnet einen vergleichsweise kleinen Supermarkt in der Innenstadt, der den Alltag mobiler Menschen mit knappem Zeitbudget komfortabler machen soll. Wie das in der Praxis aussehen könnte, zeigt Amazon jetzt mit seinem neuen Geschäftsmodell, das der Internetkonzern nach vier Jahren Vorbereitung Anfang Dezember an seinem Hauptsitz im nordamerikanischen Seattle ins Leben gerufen hat.

Amazon Go“ verbindet die physische Welt des Ladengeschäfts mit der virtuellen Welt des Internets. Dem Kunden beschert das Modell ein spezielles Einkaufserlebnis. Amazon Go kommt nämlich ohne die im Handel typischen Bezahlsysteme aus. Am Ausgang stehen daher auch keine Kassen, an denen die Waren zum Bezahlen auf Bänder gelegt und anschließend eingepackt werden.

Der Kunde braucht für seinen Einkauf nur ein Smartphone, die entsprechende Applikation (Amazon Go App) und ein Kundenkonto bei Amazon. Der Einkauf im Laden beginnt, indem sich der Kunde beim Durchgang durch die Registrierschleuse mit dem QR Code der App anmeldet. Anschließend kann er sich an den Regalen mit den Produkten seiner Wahl bedienen.

Den Einkaufswagen ersetzt ein virtueller Warenkorb, der sich über das Smartphone aufrufen lässt. Der Kunde kann damit den Status des Einkaufs und den fälligen Geldbetrag ablesen. Mit jedem Produkt, das der Käufer aus dem Regal entnimmt, verändert sich der zu bezahlende Betrag. Legt man das Produkt zurück, registriert das Ladensystem diesen Vorgang und aktualisiert die Bilanz. Die Rechnungsstellung auf dem Kundenkonto erfolgt, sobald der Kunde den Laden verlässt. Der Einkauf wird beschleunigt, der Kunde gewinnt Flexibilität und Zeit.

Natürlich funktioniert diese Variante des Einkaufs nur, wenn am Ende die Rechnung für die gekauften Waren stimmt. Das bedeutet, dass das System jederzeit erkennen muss, welche Ware ein Kunde gerade aus dem Regal entnimmt. Diese Anforderung gilt für Stoßzeiten, wenn mehrere Kunden gleichzeitig am Regal zugange sind, aber auch dann, wenn der Kunde das Produkt wieder ins Regal zurücklegt, weil er sich anders entschieden hat.

Um diese Prozesse korrekt abzubilden, setzt Amazon auf künstliche Intelligenz und ausgefeilte Algorithmen. Tatsächlich betreibt Amazon einen unglaublichen technologischen Aufwand mit Kameras, Sensoren und Software, um den Einkauf der Kunden im Ladengeschäft akkurat zu dokumentieren. Die Regale zum Beispiel werden permanent durch Sensoren überwacht und mit den Bewegungsmustern des Kunden abgeglichen. Diese Daten speisen einen lernenden Algorithmus, der erkennen soll, welche Produkte Kunden aus dem Regal nehmen.

Anfang Januar soll das Projekt in Nordamerika offiziell an den Start gehen. Dass Amazon Ambitionen auf den Einstieg in das stationäre Lebensmittelgeschäft plant, steht aber nicht zu erwarten. Medienberichte, denen zufolge Amazon rund 2000 neue Läden in Nordamerika plant, hat der Konzern mittlerweile dementiert. Denkbar ist jedoch, dass Amazon sein neues Modell hierzulande forcieren könnte.

Experten gehen davon aus, dass der Supermarkt ohne Kassen eine sinnvolle Ergänzung zum Service Amazon Fresh wäre, mit dem der Online-Händler nächstes Jahr in Deutschland durchstarten will. In jedem Fall bietet Amazon Go eine perfekte Blaupause für ähnliche Modelle im Lebensmittelhandel. Dann sind wieder die Logistiker gefordert. Die Anforderungen an kreative und emissionsarme Logistikmodelle steigen jedenfalls weiter an.

 

Autor: Joachim Geiger  //  Bilder: Amazon.com,  Youtube (amazon)

Autor
Joachim Geiger

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