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Der Lkw der Zukunft kann autonom fahren

ZF-Innovationstruck

Auf der Nutzfahrzeug-IAA im September lassen sich schon traditionell Hinweise auf die Zukunft entdecken und auch dieses Jahr werden wir einige Highlights erleben, die interessante Ausblicke in die Fahrerzukunft geben. Mit ihren fahrtüchtigen Prototypen haben sowohl Mercedes-Benz als auch die ZF Friedrichshafen AG mit den Möglichkeiten von heute je ein faszinierendes Stück Technik geschaffen, das bei einer etwaigen Umsetzung in der Großserie spürbare Veränderungen in der Branche und im Berufsbild des Fernfahrers hervorrufen würde.

Das Thema „autonomes Fahren“ scheint nicht nur in der Fahrzeugindustrie zum Hype zu wachsen. Google will eine Serie von 100 Pkw bauen, die weder ein Lenkrad noch Steuerpedale haben. Jede Menge Kameras und Sensoren sollen die Passagiere mit maximal 40 Stundenkilometern sicher ans Ziel bringen. Wie zukunftsträchtig dieses Konzept ist, wird sich wohl zuerst im sonnenverwöhnten Kalifornien erweisen.

Da scheinen sich beim Güterverkehr bereits handfestere Wünsche zu erfüllen. So hat Mercedes-Benz letzte Woche in Magdeburg einen Actros präsentiert, bei dem sich wie im Jumbo-Jet ein Autopilot nutzen lässt. Sinnigerweise nennt Mercedes das System passend „Highway-Pilot“. Es kann auf Autobahnen ohne Zutun des Fahrers lenken, weicht Hindernissen aus oder schert selbstständig in eine Rettungsgasse aus, sofern herbeieilende Einsatzfahrzeuge ein entsprechendes Signal funken. Und da liegt auch einer der Knackpunkte. Viele der Möglichkeiten stehen erst dann zur Verfügung, wenn sich etwa die Car-to-car- oder Car-to-X-Kommunikation durchsetzt. Trotzdem ist es beeindruckend zu sehen, wie der Fahrersitz zur Seite schwenkt und der Fahrer sich austrecken kann, während das Lenkrad die üblichen kleinen Korrekturen von allein vollzieht.

Pressevorstellung Mercedes Benz

Für manchen mag das gruselig klingen: Ein 40-Tonner, der ohne Fahrer durch den Verkehr zieht? Wird es bald die gleichen Diskussionen wie beim Lang-Lkw geben? Wohl nicht, denn erstens verspricht die feinfühlige Sensorik ein komplettes Vermeiden von Unfällen, solange Kollege Computer übernimmt. Der Hauptunfallfaktor Mensch erhält gerade auf der Autobahn einen geringeren Fahranteil. Es ist also in erster Linie ein Sicherheitsfeature. Zweitens bleibt der Fahrer an Bord – auch Züge haben noch einen Lokführer und die erwähnten Jets verzichten ebenfalls nicht auf ihre Piloten.

Also keine Abhilfe für den Fahrermangel? Zunächst nicht, denn es geht hier mehr um Entlastung und Unfallsicherheit, als um Arbeitsplätze einzusparen. Andererseits ließe sich damit in noch fernerer Zukunft vielleicht tatsächlich ein anderes Lenk- und Ruhezeitenmodell darstellen. Aber im Augenblick zeigt man Daimler eher, wie der Fahrer, seine Lenkpause während der Fahrt noch für die Arbeit nutzen könnte. Etwa einen Parkplatz buchen, oder Korrespondenz erledigen. Mancher spricht auch davon, dass hier die Grenzen zwischen Fahrpersonal und Disposition verschwimmen könnten. Das hieße Aufwertung, Weiterbildung und Zusatzqualifikationen. Somit vielleicht zusätzliche Attraktivität. Dass der Fahrspaß zu kurz kommt, steht weniger zu befürchten. Er ist, wie die letzte ZF-Zukunftsstudie ergeben hat, zwar einer der Hauptgründe, warum Kraftfahrer ihren Beruf ergreifen, aber gerade auf der Autobahn läuft es doch oft monoton oder gar nervig ab. Wäre doch nett, wenn Kollege Computer mal eine Weile übernähme. Die schwungvolle Fahrt über die Landstraße oder die Herausforderung an einer schwer zugänglichen Rampe wird noch länger erhalten bleiben, oder?

Internationale Fachpressekonferenz ZF

Gerade zum letzten Punkt haben die Techniker von ZF Friedrichshafen AG, ZF-Lenksysteme und Openmatics vor wenigen Tagen einen spektakulären Prototypen vorgestellt: Auf einem Testgelände bei Aachen zeigten sie den Innovationstruck, einen 25 Meter langen Sattelzug mit zusätzlichem Tandemachsanhänger, der sich per Fingertip auf dem Tablet-Computer ferngesteuert rangieren lässt. Selbst die erfahrensten Lenker hätten Respekt, ein solches Gespann mit zwei Knickpunkten im Rückwärtsgang zu bewegen. Mit dem Tablet wird es zum Kinderspiel. Der Fahrer steht daneben und sieht auf dem Monitor in seiner Hand das Fahrzeug von oben. Nun kann er entweder an der Zugmaschine ziehen oder hinten am Anhänger die Richtung vorgeben, den Rest macht die Technik. Sie „weiß“ in welchem Moment wie viel Lenkeinschlag nötig ist, um die beiden Knickpunkte zu beherrschen, sodass der Lkw genau den vorgewählten Weg einschlägt. Das ist nicht nur schwer beeindruckend, sondern es gibt einem das gute Gefühl, jede Rangiersituation schnell und sicher zu meistern. Das war es aber noch lange nicht. Denn der mit einem Traxon-Getriebe ausgestatte Sattelschlepper hat auch das Hybridmodul an Bord. So lässt sich das Ganze auch noch rein elektrisch bewältigen, emissions- und geräuschfrei. Dank der zusätzlichen Kamerarundumsicht auf dem Tablet, könnte die Zahl der Rangierschäden deutlich nach unten gehen und auch über die Arbeitsteilung an der Rampe ließe sich ganz neu nachdenken – vernetzt denken zum Beispiel. Der Rangierassistent könnte tatsächlich die Arbeitsabläufe auf Speditionshöfen verändern und die Effizienz spürbar verbessern. Zumindest beim Rangieren verlöre ein Lang-Lkw damit seinen Schrecken. Alle verbauten Systeme basieren auf aktuell verfügbarer Technik. Hier könnte schon in naher Zukunft ein Stück Hightech an den Start gehen, dass den Job des Fahrers nicht nur einfacher, sondern auch attraktiver macht.

Da horchen die Beteiligten an der ZF-Zukunftsstudie auf, denn auch deren zweite Ausgabe wird auf der IAA neben aller Technik gleich an mehreren Stellen ein Thema sein. So ist die wissenschaftliche Interpretation zum Thema Lkw-Fahrer nicht nur beim Initiator ZF ein Thema, sondern auch an den Ständen von DEKRA und dem ETM-Verlag.

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Autor
Andreas Techel
Kommentare: ( 2 )
  1. Hallo,
    wer sich für das Thema automatisiertes Fahren beim Lkw interessiert, ich führe momentan im Rahmen meiner Projektarbeit für mein Studium, eine Online-Umfrage zu diesem Thema durch und würde mich über Teilnehmer freuen.

    https://docs.google.com/forms/d/e/1FAIpQLSeHZnwtVYpiIcc_6_U0tKZt8caLHW94TnsFGzVV6ZbUwj7PMQ/viewform

    Vielen Dank im Voraus!

    1. Susanne Scherbaum

      Dann wünschen wir viel Glück bei der Erstellung der Arbeit und uns würden uns freuen, wenn Sie die Ergebnisse Ihrer Arbeit im Rahmen eines Beitrags hier auf dem Blog vorstellen.

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