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Chancen nutzen

Das digitale Nutzfahrzeug wird die Logistikbranche in Zukunft verändern. Gleichzeitig steht das traditionelle Speditionsgeschäft zur Disposition. Jetzt nehmen schon die ersten Businessmodelle Gestalt an.

Gerade erst haben Automechanika und IAA die Digitalisierung und die Vernetzung als die beiden maßgeblichen Trends des Jahres ausgerufen. Mittlerweile hat der Diskurs über diese Themen aufgrund seiner Dauerpräsenz in den Medien in gewisser Weise ein Luxusproblem. Ein neues Assistenzsystem, ein neues Logistikkonzept oder eine neue Telematiksoftware avancieren daher schnell zu Indikatoren für den technologischen und gesellschaftlichen Umbruch, obwohl sie in Wirklichkeit vielleicht nur seine Vorboten sind.

Andererseits kann dieser Umbruch am Ende deutlich schneller kommen als erwartet. Dass eine solche Entwicklung möglich ist, zeigt sich am mobilen Internet. Gerade mal neun Jahre ist es her, dass das erste iPhone auf den Markt kam. Heute ist diese Technologie aus dem Alltag nicht mehr wegzudenken. Sicher ist heute nur: die digitale Transformation ist in vollem Gange.

Die Managementberatung Strategy&, die zum Netzwerk von Pricewaterhouse Coopers (PWC) gehört, hat gerade die Studie „The Era of Digitized Trucking – Transforming the Logistics Value Chain“ veröffentlicht. Die Studie analysiert, welche Technologien die Digitalisierung der Transportbranche vorantreiben und welche Folgen das für die Logistik haben könnte.

Die Macher der Studie nennen dazu bekannte Faktoren wie den (teil-)automatisierten Lkw, Platooning und die Fahrzeug-Ferndiagnose, die Hersteller wie Scania, Daimler und Volvo seit langem praktizieren. Sie berücksichtigen aber auch vergleichsweise neue Stellgrößen wie die Kommunikation zwischen Fahrzeug und Infrastruktur sowie die Integration von automatisierten Frachtenbörsen in die Logistikkette.

Die klare Ansage der Managementberater: Die konsequente Nutzung dieser Technologien würde Spediteuren und Transportunternehmen handfeste Einsparungen ermöglichen. Ihre Kalkulation der jährlichen Betriebskosten zeigt auf, dass sich bis zum Jahr 2020 die Kosten um fünf Prozent senken ließen. Mit der höheren Integration der Digitalisierung und Vernetzung bis 2025 sei dann eine Einsparung von 15 Prozent gegenüber den heutigen Betriebskosten möglich.

Für einen Logistiker sind Einsparungen in dieser Größenordnung natürlich eine echte Hausnummer. Eine zentrale Größe in dieser Rechnung ist allerdings der Fahrer. In zehn Jahren, so heißt es, sollen auf Langstrecken keine Fahrer mehr nötig sein. Der Mensch am Steuer sei dann nur noch bei Fahrten im urbanen Verkehr gefragt. Natürlich könnte man sich jetzt auf den Standpunkt stellen, dass es wohlfeil wäre, den Fahrer einfach aus der Betriebskostenrechnung zu streichen. Die Effekte sind dann leicht erklärbar. Die Rechnung steht und fällt jedoch mit dem Eintritt der Prognose in die Wirklichkeit. Trifft sie zu, wäre es mit den Goldenen Zeiten für den Fahrernachwuchs vorbei. Wer heute eine Ausbildung zum Berufskraftfahrer absolviert, müsste beim aktuellen Stand der Ausbildung damit rechnen, dass er schon bald nach dem Ende der Lehrzeit zum alten Eisen gehört.

Andererseits gibt’s nicht nur Schwarz oder Weiß, wenn in den Zukunftsmodellen der Logistik der Fahrer zur Disposition steht. Der Fahrermangel jedenfalls ist keine Erfindung, sondern bittere Realität. Der Direktor der Western States Trucking Association, Joe Rajkovacz, hat dazu einen klugen Gedanken geäußert. Aus seiner Sicht entsteht der Fahrermangel vor allem deshalb, weil sich junge Menschen nicht mehr für den Beruf des Kraftfahrers interessieren. Wenn es aber keine Fahrer mehr gibt, können sie per Definition auch nicht ersetzt werden. Seine These: Gerade kleine Transportunternehmen mit zehn, 20 Fahrzeugen werden in den nächsten Jahren von der höheren Integration der Digitalisierung und Vernetzung profitieren.

Diese Trends machen der PWC-Studie zufolge allerdings auch vor den Speditionen nicht Halt. Die anstehenden Veränderungen würden sich auch auf die bestehenden Geschäftsmodelle auswirken. Große Verlader zum Beispiel könnten in Zukunft den Transport verstärkt in die eigene Hand nehmen. Für Fuhrparkbetreiber gehe es in diesem Fall darum, neue Chancen zur Wertschöpfung in der Logistikkette zu entwickeln.

Wohin die Reise gehen könnte, zeigt in diesen Tagen das Anfang des Jahres in San Francisco gegründete Startup Otto, das im August vom Online-Mobilitätsdienstleister Uber übernommen wurde. Das auf Nachrüstbausätze für schwere autonome Nutzfahrzeuge spezialisierte Unternehmen hat mittlerweile sechs Testfahrzeuge im Einsatz und will die Flotte noch in diesem Jahr weiter aufstocken. Die Planspiele der Uber-Strategen stellen klassische Logistikkonzepte in Frage.

Der Gütertransport könnte in naher Zukunft genau so funktionieren wie das Taxigeschäft von Uber. Steht eine Ware zum Transport an, aktiviert der Versender nur noch die entsprechende App, die dann das nächste verfügbare Nutzfahrzeug anzeigt. Das klappt in dem Maße, wie freie Kapazitäten auf der Straße verfügbar sind. Otto plant daher eine Flotte von autonomen Lkw, die auf Abruf in ihren Einsatzgebieten zirkulieren.

Wie US-Medien berichten, dürfte Uber mit einem ähnlichen Modell schon nächstes Jahr selbst ins Frachtgeschäft einsteigen. Der Konzern könnte dann interessierten Fuhrparkbetreibern die Otto-Technologie fürs autonome Nutzfahrzeug zu besonders günstigen Konditionen anbieten.

Text: Joachim Geiger // Bild: Shutter81 – Fotolia

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