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„Berufskraftfahrer“ ein Job für die Lernunwilligen und Geringqualifizierten unserer Gesellschaft?

Berufskraftfahrer„Berufskraftfahrer ist nur ein Job für Lernunwillige und Geringqualifizierte.“, so oder so ähnlich sind die Meinungen, die mir immer wieder in unserer Forschungsarbeit zum Thema Berufskraftfahrerqualifikation in Europa begegnen. Genau diese Meinungen sind es, die mir ganz besonders zu denken geben, denn unsere Forschungsergebnisse und unzählige Gespräche mit Berufskraftfahrern zeichnen ein ganz anderes Bild. Nämlich, dass das Jobprofil des Berufskraftfahrers dem eines Facharbeiters entspricht, dessen Qualifikationsanforderungen sich kontinuierlich verändern und erhöhen. Es reicht entsprechend schon lange nicht mehr, „nur“ einen Führerschein zu besitzen und sich auf einen Lkw zu setzen, um diesen Beruf wirklich kompetent ausüben zu können. In der breiten Öffentlichkeit scheint aber dieses Bild noch nicht wirklich angekommen zu sein.

Als Koordinator des EU-weit durchgeführten Projekts „Professional driving – more than just driving!“ (ProfDRV) hat die DEKRA Akademie die Kenntnisse, Fertigkeiten und Kompetenzen, die ein Berufskraftfahrer haben muss, um wirklich kompetent in seinem Beruf handeln zu können, untersucht. Die Ergebnisse haben zu einem Profil geführt, dessen Umfang selbst erfahrene Berufskraftfahrer letztlich überrascht hat. Die Kompetenzfelder umfassen hierbei das Steuern und Manövrieren des Fahrzeuges, die Vorbereitung der Fahrt, das Be- und Entladen, das Planen von Fahrtzeiten und -strecken sowie Wartungsaufgaben. Außerdem gehört zum Arbeitsspektrum des Berufskraftfahrers Arbeitsdokumentation, Zusammenarbeit mit Kunden, Vorgesetzten, Kollegen und anderen Personen, Arbeitsschutz und Gesundheit als auch die Fertigkeiten, sich kontinuierlich weiterzubilden. Entwickelt wurde dieses Profil in Zusammenarbeit mit erfahrenen Berufskraftfahrern. Am Ende war man sich einig, dass man diese Dinge nicht mal eben mitbringt oder in einem Kurs von nur wenigen Unterrichtsstunden lernen kann. Geschweige denn all diese Kenntnisse, Fertigkeiten und Kompetenzen auch noch auf dem neuesten Stand zu halten.

Unsere Forschungsergebnisse haben aber auch gezeigt, dass es ganz maßgeblich auf die Qualität des Trainings ankommt. Initiativen wie beispielsweise die Richtlinie 2003/59 der Europäischen Kommission (Richtlinie über die Grundqualifizierung und Weiterbildung der Fahrer bestimmter Kraftfahrzeuge für den Güter- oder Personenkraftverkehr) werden durch mangelnde Trainingsqualität in Mitleidenschaft gezogen. Die Teilnehmer sehen diese dann eher als Bürde denn als Möglichkeit zur Aufwertung des Berufs. Die Qualitätsdefizite sind vielfältig: Zu wenig Fokus auf die Teilnehmer, zu große Trainingsgruppen, zu geringe Praxisrelevanz und mangelnde Lehrkompetenz der Trainer sind nur einige Knackpunkte, die sich nahezu in allen untersuchten EU-Mitgliedsstaaten gezeigt haben. Stattdessen wird Qualität gern daran festgemacht, ob die vorgegebene Stundenzahl in einem zertifizierten Klassenzimmer verbracht wurde. Die Frage danach, ob in den Schulungen tatsächlich Lernen ermöglicht wird, wird nicht gestellt.

Um eben dieses „Lernen“ geht es uns auch in unserem aktuellen EU-Projekt ICT-DRV. Auch wenn bei ICT-DRV Computer- und Simulator-basierte Trainingskonzepte für Berufskraftfahrer im Mittelpunkt stehen, so geht es uns doch darum, etwas genauer anzuschauen, was denn nun hohe Qualität in einer Schulung für Fahrer ausmacht. Unsere bisherigen Ergebnisse zeigen, dass es ganz besonders wichtig ist, die Vorkenntnisse und Erfahrungen der Teilnehmer einzubeziehen und „sie da abzuholen“, wo sie stehen. Auch die Auswahl der Lehrmethoden und -inhalten, die Kompetenzen der Trainer und die Praxisrelevanz der Inhalte und Aufgaben sind ausschlaggebend für eine Weiterbildung bei der die Teilnehmer mit Motivation und Interesse dabei sind. Die so häufig geforderten Lernzielkontrollen hingegen spielen eine sehr zweifelhafte und untergeordnete Rolle und können mangelnde Qualität von Schulungen nicht ausgleichen.

In diesem Projekt entwickeln und testen wir im Moment auch eine e-learning-Anwendung, die das Lernen an den Arbeitsplatz des Fahrers verlagert. Diese Anwendung kann individuell und je nach persönlichen Schwerpunkten an den einzelnen Fahrer angepasst werden. Statt ausschließlich mit theoretischem Wissen konfrontiert zu werden, wenden die Teilnehmer am e-learning-Kurs die Kursinhalte auch praktisch in ihrem Arbeitsalltag an. Der Lernaufwand eines jeden Teilnehmers variiert sehr stark, je nachdem wie viele Vorkenntnisse bereits vorhanden sind. Tutoren helfen den Teilnehmer dabei, den gleichen angestrebten Wissenstand zu haben und begleiten sie individuell während des Kurses. Bei einem klassischen Training im Klassenzimmer ist eine solche Schulungsqualität nur schwer zu erreichen.

Um solche Lernlösungen im Rahmen von Berufskraftfahrerqualifikation umzusetzen, bedarf es an erster Stelle das Vertrauen von Behörden, Bildungsträgern, Arbeitgebern und auch von Fahrern selbst in derartige Lehrmethoden auf Distanz als auch das Vertrauen in den Willen und die Fähigkeiten der Fahrer, auf eine solche „unkontrollierte“ Weise tatsächlich zu lernen. Wir arbeiten daran, dass solche Lernlösungen für Berufskraftfahrer im Rahmen des BKrFQG keine „Zukunftsmusik“ bleiben, sondern der Branche helfen, ihre Herausforderungen langfristig erfolgreich zu überwinden.

Kommentar von Claudia Ball, Projektentwicklung International, DEKRA Akademie GmbH
Foto: TTS, Finnland

Autor
admin
Kommentare: ( 6 )
  1. An die Redaktion

    Der Anfangssatz „Berufskraftfahrer ist nur ein Job für Lernunwillige und Geringqualifizierte.“ trifft genau den Punkt. Wenn Sie wirklich wüßten was für ein Bildungsniveau sich hier abspielt – Sie würden schreiend davonlaufen. Mit Bildung würde ein Fahrer dem Belader/Ablader schon erzählen können was er nicht tun sollte, würde seine Rechte kennen etc.Papiere soll der Fahrer ausfüllen – bitteschön mal beim CMR-Recht unter § (Artikel) 11 nachsehen. Das sind Rechtsdokumente. Bei den Modulen und den ADR-Scheinen sind 90% der Fahrer nicht daran interesiert. Bei meiner letzten ADR-Tankschein-Schulung sind 13 von 15 durchgefallen. Warum wohl ? Zwei Deutsche (bestanden), Rest Ausländer – nochmal kommen. Oder im Ausland kaufen. Verbessert werden muß: Arbeitsbedingungen. Nicht beim Fahren, Fahrzeit, LUTZ etc. sondern an den Rampen. Was hat ein Fahrer im Fernverkehr mit Be- und Entladen zu tun ? Garnichts. Hinfahren, Klappe oder Plane auf, Gurte /Stangen weg, Papiere abwickeln, abladen lassen, fertig.
    Ich fahre seit 1982 internationaler Fernverkehr und nur in Deutschland hat man diese Probleme. In Frankreich laden/abladen – da lachen die Hühner. Einer Studie zufolge, sind 9 Stunden LKW fahren genau so viel wie konzentrierte 13 Stunden Büro/PC-Arbeit. Wer macht das von Ihnen in der Redaktion ? Keiner ! und dann noch abladen und das jeden Tag 11-13 Stunden. Dann kommt der Disponent und meint: ich darf ja zweimal 15 Stunden machen. Dann brauch er sich nicht wundern wenn er irgend wann nicht mit Worten, sondern mit einer Faust bedacht wird. Ihr redet immer um den selben heißen Brei.
    Und dann noch für 2.000 Brutto – Gähn.
    Viel Spass bei den angesagten Recherchen
    MfG
    Gschwandtner

    1. Ich habe noch von keinem Mediziner gehört, daß einwenig Bewegung schädlich wäre! Nur mit dem reinen Fahren ist es halt nicht mehr getan! Es muß auch der Service dazukommen, sprich „Be.-Entladen“ durch den Fahrer!

  2. Richtig.
    Die Wahrheit will niemand hören.
    Die Branche war schon immer oft genug nur darauf bedacht, das Personal am besten gar nicht zu bezahlen, übermäßig lange arbeiten zu lassen und alte LKW anzubieten.
    Sollte dies doch mal alles okay sein, wird rücksichtslos disponiert, so das man am Wochenende nicht mal sicher sein kann, überhaupt nach Hause zu kommen.
    In Deutschland werden Fahrer wie Knechte behandelt. Einem Knecht ist alles Recht.

    1. Susanne Scherbaum

      Hallo Herr Derpmanns,
      ihr Frust ist spürbar und sicherlich gibt es in der Branche auch einige schwarze Schafe. Im Rahmen der Studienerstellung haben wir aber auch viele Unternehmen kennengelernt, die großen Wert auf einen fairen Umgang mit ihren Mitarbeitern legen. Wir hoffen, dass durch kontinuierliche Kommunikation mit Branchenvertretern und Politik die notwendigen Veränderungen vorangetrieben werden.
      MfG
      Susanne Scherbaum

  3. Mir stellt sich die Frage, was Sie zu dieser Auffassung veranlasst hat? Tatsache ist, dass das Thema Weiterbildung über Jahrzehnte hinweg vernachlässigt worden ist. Es wurde von Seiten des Gesetzgebers darauf verzichtet, diesbezüglich klare Regelungen zu verabschieden. Warum ist das so? Weil diese Thematik in der breiten Bevölkerung noch nicht angekommen ist. Daran hat sich bis zum heutigen Zeitpunkt nichts geändert. Ich vermute, dass Sie daher Ihre Anschauung ableiten, denn ich zitiere Sie: „Die Ergebnisse haben zu einem Profil geführt, dessen Umfang selbst erfahrende Berufskraftfahrer letztlich überrascht hat.“
    Eine solche Aussage ist für mich sehr enttäuschend. Denn es lässt den Schluss zu, dass derjenige, der dieses Profil nicht besitzt, auch kein Berufskraftfahrer ist. Kann es sein, dass Sie die falschen Fahrer untersucht haben? Denn wir sprechen hier von Mindestanforderungen, die für jeden Berufskraftfahrer täglich zu erfüllen sind. Und das nicht erst seit Kurzem, sondern bereits seit sehr langer Zeit.
    Wenn es um die so wichtige Weiterbildung geht, gibt sicher Teilnehmer, die der Meinung sind, dass das bloße Absitzen der Lehrgänge – wie z. Bsp. die fünf Module – völlig ausreichend ist. In diesem Punkt stimme ich Ihnen zu. Dennoch gibt es auch Teilnehmer, davon gar nicht wenige, die sich ernsthaft für diese Themen interessieren. Diesen Teilnehmer, darunter viele junge Nachwuchsberufskraftfahrer, und auch mir stellt sich dann die Frage: Wie kann es sein, dass die Plätze dieser Fortbildungsmaßnahmen von Personen belegt werden, die so gut wie kein Wort Deutsch verstehen? Was machen diese Leute auf den Weiterbildungsveranstaltungen anderes, als die Zeit abzusitzen? In diesem Zusammenhang möchte ich ausdrücklich betonen, dass meine Meinung nicht als diskriminierend zu betrachten ist. Fakt ist jedoch, dass es sich dann am besten lernen lässt, wenn es sich um die eigene Landessprache handelt oder der Teilnehmer die fremde Sprache so weit beherrscht, dass diese dem Niveau der Bildungsmaßnahme entspricht.
    Meine Empfehlung: Eine Prüfung unter Aufsicht der jeweiligen IHK mit einem entsprechenden Zertifikat sollte die erfolgreiche Teilnahme an den Maßnahmen dokumentieren.
    Es ist allerdings noch ein weiter Weg mit vielen Hürden zu überwinden, bis das BKrFQG in letzter Konsequenz Anwendung finden kann.
    Durchweg positiv finde ich, dass Sie sich überhaupt Gedanken zur eigentlichen fachlichen Qualität der Berufskraftfahrer gemacht haben.
    Mein Profil sowie viele weitere interessante Gedanken auf meiner Internetseite: http://lkw-fahren.info.

    Herzliche Grüße

    Uwe Zukowski

  4. Ich fahre derzeit ziemlich viel in Frankreich rum,und musste feststellen,das die Französichen Kollegen,fast durchweg 1000 Euro netto mehr im Fernverkehr in der Tasche habe,als Deutsche.
    Ich halte die deutsche Vergütung für einen absoluten Skandal.

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