« | »

Autonomer Lkw zum Nachrüsten

Ein autonomer Lkw ist eigentlich auch nur ein klassischer Lkw. Bloß übernimmt dort nicht der Fahrer das Kommando, sondern ein Computer, der seine Informationen über das Geschehen auf der Straße von Kameras und Sensoren bezieht. Anders ausgedrückt: Ließe sich ein klassischer Lkw mit einer Hightech-Sehhilfe aufrüsten, wäre das Resultat im Prinzip ein autonomer Lastwagen.

Vermutlich kann eine solche Idee nur aus den Vereinigten Staaten kommen. Aber genau dieses Projekt schreibt sich jetzt das Startup Otto mit Büros in San Francisco und Palo Alto in Kalifornien auf die Fahne. Einen Bausatz nämlich, der einen herkömmlicher Lkw zum autonomen Alleskönner aufrüstet.

Warum sich das Startup Firma Otto nennt, bleibt vorerst ein Geheimnis der Gründer. Vielleicht ist der Name aber auch nur ein geschickter Kniff, weil sich die gleichnamige Internet-Adresse im Handumdrehen eingeben lässt. Die Adresse lautet: www.ot.to. Ins Leben gerufen haben das Unternehmen unter anderem hochkarätige Ex-Google-Manager. Mit dabei ist der einst für Google Maps verantwortliche Lior Ron sowie Anthony Levandovski, der das selbst fahrende Google Auto auf die Räder gestellt hat. Das Team besteht aus 42 Mitarbeitern mit viel Kompetenz rund um Hardware und Elektronik. Die Stellenausschreibungen für Computer- und Softwaretechniker, Elektronikingenieure und Laserspezialisten zeigen zudem, dass hier noch jede Menge Karrieren zu starten sind.

Was das Startup auf die Straße bringt, sind keine putzigen Google Autos. Im Gegenteil. Die Testflotte besteht aus drei mächtigen Sattelzügen, bei denen jeweils ein Langhauber vom Typ Volvo VNL 780 den Spanndienst übernimmt. Das Kamera-Equipment, das dem autonomen Truck den nötigen Durchblick ins Verkehrsgeschehen verschaffen soll, ist in einem Rahmen hoch über der Frontscheibe installiert. Die Systeme haben dadurch einen freien Blick auf die Straße. Das Firmen-Video zeigt, wie der autonome Truck in der Praxis funktioniert. Der Lkw spult auf dem Highway seine Kilometer herunter, während sich der Fahrer im Rückraum der großen Kabine entspannt. Der Platz am Steuer ist nicht besetzt. Der Lkw trifft alle Fahrentscheidungen selbst. Das Projekt ist klar für die amerikanischen Highways ausgelegt. Die machen gerade mal fünf Prozent der Straßen in Nordamerika aus. Vorteil dieses Ansatzes: Diese Strecken lassen sich vergleichsweise einfach kartographieren. Und vor allem sind hier stets die Straßenmarkierungen vorhanden, an denen sich die Sensoren zur Ausrichtung der eigenen Fahrspur orientieren.

Das Unternehmen hat ein feines Gespür für die Relevanz seines Projekts. Es geht davon aus, dass in den USA der Fahrermangel ein handfestes Problem darstellt. Demnach fehlen in der Logistik bereits heute rund 50.000 Fahrer. Tendenz steigend. Dazu kommt, dass in Nordamerika eine mit zehn Jahren vergleichsweise lange Haltedauer der Fahrzeuge in den Speditionsfuhrparks üblich ist. Eine Nachrüstlösung für Lastwagen könnte daher ein großer Wurf werden, weil er Engpässe auf den Highways vermeiden hilft und ein dickes Plus an Sicherheit für ältere Fahrzeuge verspricht.

Die autonomen Volvo-Trucks sind derzeit im Rahmen eines Testprogramms auf den Highways im US-Bundesstaat Nevada unterwegs. Gut möglich, dass sie in der Gegend von Las Vegas bereits dem Freightliner Inspiration Truck von Daimler begegnet sind. Der Hersteller ist dort nämlich seit rund einem Jahr mit seinem autonomen Lkw in Fahrversuchen auf Achse. Mit Daimler, Scania, Volvo und Co. dürfte sich Otto allerdings kaum messen. Die spielen in einer anderen Liga. Konkurrenzfähig ist das Team aus Kalifornien jedoch in einer anderen Hinsicht. Die Präsentation im Internet lässt einen Spirit erkennen, der sich selbstbewusst und zuversichtlich der Herausforderung stellt. Wenn das System funktioniert und es irgendwann zum Einsatz kommt, dann hat Otto für die Sicherheit im Straßenverkehr vielleicht genau so viel geleistet wie die großen Hersteller.

Autor: Joachim Geiger
Bildquelle: OTTO

Autor
admin

Kommentar hinzufügen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *