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Autonomer Lkw darf auf die deutsche Autobahn

Der Zukunft des autonomen Fahrens ist der Nutzfahrzeughersteller Daimler mit dem heutigen Tag wieder ein Stück näher gekommen. Das Baden-Württembergische Verkehrsministerium hat dem Konzern die Genehmigung zum Testen seines „Mercedes Future Truck 2025“ auf öffentlichen Straßen des Bundeslandes erteilt. Vor einigen Wochen erhielt bereits sein Konzernbruder, der spektakulär gestylte Freightliner Cascadia Evolution eine Zulassung fürs autonome Fahren im US-Bundesstaat Nevada.

Voraussichtlich wird der autonom fahrende Actros nicht in der auffälligen Tarnfolierung unterwegs sein, aber wer als neugieriger Autofahrer ein ähnliches Fahrzeug sieht, indem der Fahrer zur Seite gedreht seelenruhig Zeitung liest, der dürfte mit ziemlicher Sicherheit das Forschungsfahrzeug vor sich haben. Die „Augen“ auf der Straße hat stattdessen der Lkw, indem er per Kamera und Radarsensoren die anderen Verkehrsteilnehmer analysiert, Abstand zum Vordermann und die Spur exakt einhält und selbst Überholvorgänge und Notbremsungen aktiv selbst einleitet. Der bereits in anderen Fahrzeugen verfügbare topographieabhängige Tempomat ist ebenfalls an Bord. Der Future Truck erkennt damit auch die jeweilige Topographie und wählt entsprechend die Gänge, um möglichst effizient unterwegs zu sein.

Eine riesige Datenmenge, die da während einer Fahrt permanent verarbeitet werden muss. Neben der Technologie stellt die Software eine weitere Herausforderung dar, der sich die Fahrzeugindustrie stellen muss. Deshalb ist automatisiertes Fahren nicht nur das Zukunftsthema, das aktuell die Fahrzeugindustrie umtreibt, sondern auch Software- und IT-Unternehmen wie Google oder beispielsweise Online-Fahrzeug-Vermittlungsanbieter Uber oder der Kartendienst Here. Sie versuchen mit ihrem Know-how – vor allem in den USA – Fuß zu fassen. „In den USA kommen technologische Innovationen nicht aus der Automobilindustrie, sondern von Firmen wie Google oder Uber“, sagt Wolfgang Bernhard, Partner von Roland Berger Strategy Consultants. Branchenfremde Akteure mischen damit plötzlich im traditionellen Fahrzeugbau mit. Das könnte in einigen Punkten gar neue Rollenverteilungen und Konkurrenzkämpfe bedeuten. In ihrer kürzlich erschienenen Studie „Automatisierte Fahrzeuge“ hat die Unternehmensberatungsgesellschaft Roland Berger Strategy Consultants die Erfolgsfaktoren für Automobilnationen analysiert und dabei zwei zentrale Indikatoren ermittelt: Zum einen die Industrie; das heißt, den technologischen Entwicklungsstand der entwickelten und produzierten Fahrzeuge eines Herstellers in einem Land sowie die Ausrichtung entsprechender Forschungsaktivitäten. Der zweite Indikator ist der Markt, genauer die Marktgröße, die durch Nachfrage und Nutzerakzeptanz sowie den rechtlichen Rahmenbedingungen bestimmt wird. In ihrer Studie kommen die Forscher zu dem Ergebnis, dass Deutschland beim Indikator Industrie die Spitzenposition vor den USA und Schweden einnimmt. Beim Indikator Markt liegen die USA vor Deutschland und Schweden. Erst mit größerem Abstand folgen bei beiden Indikatoren die weiteren untersuchten Länder Großbritannien, Frankreich, Italien, Japan, China und Südkorea.

Ein weiteres Ergebnis der Studie war die größere Attraktivität der rechtlichen Rahmenbedingungen für das Testen von Fahrzeugen in den USA. Dort betreiben einzelne Bundesstaaten wie gerade Nevada oder Kalifornien einen aktiven Umgang mit diesem Thema, indem sie Änderungen im Zulassungsbereich für Test- und Entwicklungszentren vornehmen. Mit der Zulassung des autonom fahrenden Future Truck auf Baden-Württembergs Straßen hat auch die deutsche Politik ein Zeichen gesetzt und damit einem entscheidenden Wettbewerbsnachteil für Deutschland entgegengewirkt. Dennoch gilt in Deutschland, in Europa und auch anderen Ländern die stark einschränkende ECE-Regelung. Diese seit 1968 bestehende Regelung schließt die Verwendung autonomer Lenkungen in Serienfahrzeugen aus. Grund dafür ist vor allem die rechtliche Haftungsfrage und die ungeklärten Verantwortlichkeiten. Deshalb wird auch der Future Truck, der demnächst auf den Straßen im Südwesten unterwegs sein wird, immer einen Menschen an Bord haben. Auch das System des High-Tech-Lkw sieht immer noch die entscheidende Option vor, per Warnsignal den Fahrer zum Eingreifen und Entscheiden aufzufordern.

Autor
Jana Bronsch

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