« | »

Autonome Zusteller

Automobilhersteller brauchen mittlerweile ein gutes Timing, wenn eine Ansage in Sachen autonomes Fahren die Öffentlichkeit erreichen soll. Schließlich berichten die Medien fast täglich über neue Projekte und Visionen der Branche. Den Autobauern dürfte diese Medienpräsenz nicht immer gefallen. Sie lässt allzu leicht den Eindruck entstehen, dass die automobile Zukunft unmittelbar bevorsteht. Andererseits sind es häufig die Hersteller selbst, die genau diese Erwartungshaltung des Publikums forcieren. Jüngstes Beispiel dafür ist Ford. In einer Mitte August veröffentlichten Mitteilung des Forschungs- und Innovationszentrums im kalifornischen Palo Alto heißt es, man wolle bis 2021 autonome Fahrzeuge für Sparten wie Lieferservice und Carsharing auf die Straße bringen. Die Fahrzeuge hätten weder Lenkrad noch Gaspedal und würden komplett ohne Fahrer auskommen. Wie es heißt, handelt es sich dabei um Modelle wie Ford Transit und Ford Transit Connect.

Die Spezifikation dieses Projekts entspricht der Entwicklungsstufe vier der Technologie Roadmap für das autonome Fahren. Sie besagt, dass unter bestimmten Bedingungen der Bordcomputer des Fahrzeugs das Kommando übernehmen darf. In diesem Modus hat der Fahrer keine Verantwortung für das fahrende Fahrzeug. Erst in der letzten Stufe der vollen Automatisierung (Stufe fünf) ist das Fahrzeug absolut autonom. Die europäischen Hersteller stehen mit den aktuellen Ausbaustufen des teilautomatisierten Fahrzeugs derzeit auf Stufe zwei. Die Ankündigung von Ford ist demnach eine ambitionierte Ansage. Das gilt auch, wenn man die technologische Machbarkeit generell unterstellt. Was dabei aber außen vor bleibt, sind politische, rechtliche und soziale Aspekte.

Ford will die autonomen Transporter und Vans zuerst nur Geschäftskunden anbieten. Als wichtige Treiber der Nachfrage hat der Hersteller den Fahrermangel und die Kosten fürs Fahrpersonal ausgemacht. Insofern ist es konsequent, wenn man jetzt darauf abzielt, mit dem autonomen Fahrzeug den Fahrer zu ersetzen. Zwar erfinden auch hierzulande die Hersteller in ihren zehn bis 20 Jahre in die Zukunft reichenden Szenarien einen Fahrertypus, der die Fahrt in erster Linie als Logistiker begleitet. Dass Ford jetzt ganz auf den Fahrer verzichtet, hat jedoch eine neue Qualität. Die Ankündigung beschreibt nicht nur einen technologischen Umbruch, sondern auch eine nachhaltige Veränderung der Lebens- und Arbeitswelt.

Amerikanischen Analysten zufolge haben Big Player wie UPS und FedEx schon Interesse am autonomen Zustellfahrzeug angemeldet. Auf einem anderen Blatt dürfte aber stehen, ob die Kunden der Logistiker für die Anwendung dieser Hochtechnologie bereit sind. In der Praxis wird die Gretchenfrage lauten, wie eine Sendung vor Ort ihren Empfänger erreicht? Wie geht es weiter, wenn der autonome Zusteller seine Zieladresse erreicht hat? Wie gelangt das Paket in den vierten Stock des Wohnhauses? Wer steckt die Benachrichtigung in den Briefkasten, wenn der Adressat nicht zu Hause ist?

Die Antworten bringen neue logistische Strukturen und neue Technologien ins Spiel. Wie eine solche Lösung aussehen könnte, zeigt einmal mehr Google. Der Suchmaschinengigant hat Anfang des Jahres ein Patent für ein autonomes Lieferfahrzeug eingereicht. Dahinter steht im Prinzip eine mobile Packstation mit von außen zugänglichen elektronischen Schließfächern. Der Empfänger erhält über sein Smartphone die Nachricht, dass sein Paket vor der Haustür auf ihn wartet. Er geht dann zum Fahrzeug, öffnet das Schließfach mit dem zuvor mitgeteilten Passwort und entnimmt die Sendung. Auch Roboter und Drohnen werden auf lange Sicht in der Zustellung zum Einsatz kommen. Die Systeme dafür sind längst in Entwicklung. Bis dahin geht es allerdings nicht ohne den Paketfahrer. Der Zeitrahmen? Fünf Jahre, wenn es nach den Marketingstrategen von Ford geht.

Autor: Joachim Geiger
Foto: Ford

Autor
Kathleen Kiefer

Kommentar hinzufügen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *