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Autofahren ohne Fahrer?

Autofahrer ohne Fahrer

Im Rahmen eines parlamentarischen Abends in der Landesvertretung von Brandenburg in Berlin hat die Expertenorganisation DEKRA am 23. April ihren Verkehrssicherheitsreport 2015 präsentiert. Aus Sicht von Unfallforschung, Verkehrspsychologie und Fahrzeugtechnik zeigt der Report auf, in welchen Bereichen die größten Potenziale für die weitere Verringerung der Unfallopferzahlen auf den Straßen der EU liegen und welche Herausforderungen damit für Mensch, Technik und Infrastruktur verbunden sind. Ein Fokus liegt dabei insbesondere auf der Vision des autonomen Fahrens beziehungsweise auf Assistenzsystemen, die gerade auch in schweren Nutzfahrzeugen zu mehr Verkehrssicherheit beitragen sollen.

Vor rund 200 geladenen Gästen – darunter zahlreiche Bundestagsabgeordnete und Verbandsvertreter – gab zunächst José Viegas, Generalsekretär des „International Transport Forum“ der OECD, als prominenter Gastredner Einblicke in die „Vision Zero“. Erklärte Ziele dieser erstmals 1997 in Schweden entwickelten Vision: keine durch Unfälle getöteten oder schwer verletzten Verkehrsteilnehmer. Um diese ambitionierten Ziele zu erreichen, müsse man sich laut Viegas noch stärker auf Maßnahmen zum Schutz besonders gefährdeter Verkehrsteilnehmer konzentrieren. Gemeint sind damit Fußgänger, Radfahrer, motorisierte Zweiradfahrer, Senioren und Menschen mit eingeschränkter Mobilität.

Tatsache ist: Bei Verkehrsunfällen sind in der Europäischen Union von Jahr zu Jahr immer weniger Todesopfer zu beklagen. Kamen 1991 in der EU über 75.000 Verkehrsteilnehmer ums Leben, waren es 2013 „nur“ noch rund 26.000. Im vergangenen Jahr hat die positive Entwicklung allerdings einen Dämpfer erhalten. Nach vorläufigen Daten gab es 2014 auf den Straßen der EU rund 25.700 Verkehrstote, das sind lediglich circa 1,2 Prozent weniger als im Vorjahr. Damit ist das von der EU-Kommission formulierte Ziel, die Zahl der Verkehrstoten bis 2020 gegenüber 2010 noch einmal zu halbieren – also auf weniger als 16.000 zu reduzieren –, stark in Gefahr. „Von allen Beteiligten sind daher nach wie vor große Anstrengungen erforderlich, um diesem Ziel so nahe wie möglich zu kommen“, betonte Clemens Klinke, Mitglied des Vorstands DEKRA SE und verantwortlich für die Business Unit Automotive, im Rahmen seiner Präsentation des Verkehrssicherheitsreports 2015.

Optimierungspotenziale gibt es in diesem Zusammenhang nicht zuletzt bei Nutzfahrzeugen. Neben den rein mechanischen Maßnahmen des Partnerschutzes im Front-, Heck- und Seitenbereich kommen mehr und mehr auch moderne elektronische Fahrerassistenzsysteme zum Einsatz. Ob Electronic Stability Control (ESC), Notbremsassistenz-, Spurverlassenswarn- beziehungsweise Spurhaltesysteme: Aus Sicht der Unfallforschung steht zweifelsfrei fest, dass sie die Verkehrssicherheit von Lastkraftwagen wesentlich erhöhen und dabei nicht nur dem Schutz der Lkw-Insassen, sondern auch dem Schutz aller Verkehrsteilnehmer dienen. Ein hohes Wirkungspotenzial versprechen in Nutzfahrzeugen vor allem auch die zukünftigen aktiven Lenkassistenzsysteme. Absehbar ist darüber hinaus, dass Kamera-Monitor-Systeme konventionelle Spiegelsysteme ablösen. Hierbei eröffnen Kombinationen mit elektronischer Bildauswertung sowie Radar-, Lidar- und Ultraschallsensoren weitere Perspektiven, um mit lückenloser Rundumsicht den Fahrer zu entlasten, zu warnen und notfalls auch aktiv bei der Fahrzeugführung zu assistieren. Hierbei kann auch das Problemfeld der Unfälle mit Beteiligung von Fußgängern oder Radfahrern und rechts abbiegenden Lkw noch einmal nachhaltig angegangen werden. In dieser Hinsicht könnte zudem ein Abbiegeassistent für Lkw ein wichtiger Beitrag zur Unfallvermeidung sein.

Mit der Vision des autonomen Fahrens steht die Mobilität nun vor einem weiteren Innovationsschub. „Auf dem Weg dorthin sind freilich noch viele Fragen offen und darüber hinaus zahlreiche rechtliche Hürden zu nehmen“, sagte Clemens Klinke in Berlin. Seiner Ansicht nach besteht die künftige Herausforderung vor allem darin, neben der Situation für das eigene Fahrzeug auch andere Verkehrsteilnehmer sowie die gesamte Verkehrssituation zu erfassen und bei erkannten Konflikten eine geeignete Gegenmaßnahme einzuleiten. „Diese muss angemessen und verhältnismäßig sein und darf nicht neue, unter Umständen sogar noch größere Risiken heraufbeschwören, als sie schon durch die ursprüngliche Konfliktsituation gegeben waren“, gab der DEKRA Vorstand zu bedenken. Dies sei insbesondere auch deshalb so relevant, weil die Schritte zum automatisierten Fahren über einen langen Zeitraum davon geprägt sein werden, dass es Fahrzeuge mit einem immer höheren Maß an Intelligenz und Fahrerassistenzsystemen gibt, während eine nennenswerte Anzahl anderer Fahrzeuge über diese Systeme noch nicht verfügen.

Text: Matthias Gaul; Bild: ETM/Florence Frieser

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