Die ZF-Zukunftsstudie 2016 „Die letzte Meile“ analysiert auf Grundlage von Fachpublikationen und Ergebnissen von Experteninterviews Trends, die in naher Zukunft auf die letzte Meile wirken. In der Studie wird dabei zwischen ländlichem Raum, kleinen/mittelgroßen Städten und Metropolen unterschieden.

Drei Thesen bilden die Grundlage für den strukturellen Aufbau der Studie:

  • Der Endkunde ist Zielpunkt aller Aktivitäten auf der letzten Meile. Seine Wünsche und Vorgaben beeinflussen, entweder mittelbar oder unmittelbar, die Ausgestaltung der letzten Meile (These 1).
  • Die Umgebung (wie Infrastrukturen, Bebauung und Verkehrsaufkommen) gibt den Rahmen für die Gestaltungsmöglichkeiten der letzten Meile vor. Die jeweilige Ausgestaltung von Verkehren auf der letzten Meile muss sich an diese lokalen Gegebenheiten anpassen (These 2).
  • Im Spannungsfeld von Endkundenanforderungen und umgebungsbedingten Einschränkungen eröffnen Innovationen neue Gestaltungsmöglichkeiten der letzten Meile (These 3).

Der Endkunde als Ziel aller Verkehre der letzten Meile

Inhaltlich beginnt die Studie auf Seiten des Endkunden als Zielpunkt aller Verkehre der letzten Meile. Es werden der demografische Wandel, die Convenience- und Frischelogistik, die taggleiche Zustellung („Same Day Delivery“) und ein wachsendes Umweltbewusstsein aufgegriffen. Unabhängig von der örtlichen Lage (Land, Stadt, Metropole) entsteht ein zunehmender Zeit- und Kostendruck auf der letzten Meile. Im ländlichen Raum wirken lange Strecken und unterdurchschnittlich wachsende Gütermengen vorrangig kostentreibend.

In kleinen und mittleren Städten mit durchschnittlich wachsendem Transportaufkommen äußern Bewohner mit geringen Zeitbudgets ähnliche Ansprüche an Service und ökologische Nachhaltigkeit wie in Metropolen, wobei die Logistik hier in Sachen Produktivität nicht mit Metropolen mithalten kann. Der Kostendruck in mittelgroßen Städten wächst also ganz besonders. In Metropolen treiben überdurchschnittliches Transportaufkommen und Ansprüche an taggleiche Zustellung, speziell bei Frischeprodukten, die Entwicklung. Die Trends erzwingen die Verkürzung der letzten Meile und veranlassen die Logistik, sich nah an oder im Herzen von Metropolen niederzulassen, um die hohe Warenverfügbarkeit anbieten zu können. Schließlich erwarten Menschen in Metropolen Antworten auf das Problem der Luftverschmutzung und des Verkehrslärms (grüne und leise Logistik).

Der Logistiker im Zentrum der Ansprüche

Diese Ansprüche muss der Logistiker erfüllen, hat aber einen begrenzten Aktionsradius (These 2). Als veränderte Umfeldbedingungen diskutiert die Studie den Wandel der Innenstadt, der Downsizing und weitere Durchdringung der Stadt mit Handelsfilialen, die Betonung des Einkaufserlebnisses sowie Konvergenz von Offline- und Onlinehandel umfasst, ebenso wie die Verfügbarkeit von Fachkräften, Maßnahmen zur Luftreinhaltung sowie Forderungen nach einer leisen und sicheren Logistik. Das Zusammenwirken dieser Trends führt zu weiteren Schüben bei Qualifikationsanforderungen und Lohnkosten auf der letzten Meile.

Die Technik zur Effizienzsteigerung

Bei weiter hohem Kostendruck bleibt nur der Ausweg einer Produktivitätssteigerung durch Innovation. Technische Trends wie die Digitalisierung der Lieferkette, das Entstehen des Internets der Dinge und die Verbreitung des 3D-Drucks bieten Logistikern neue Geschäftsfelder und Chancen, die Effizienz auf der letzten Meile zu steigern.

Autonome Transportmittel und der batterie-elektrische Antrieb eröffnen Möglichkeiten, bestehende letzte Meile-Strukturen völlig neu zu denken sowie innovative Fahrzeugkonzepte und Logistiklösungen (Nachtlogistik) zu realisieren. Für schwer bedienbare Nischen stehen Drohnen für Spezialtransporte bereit. Der Zustellroboter ergänzt die Paketdistribution, steht aber auch Handelsunternehmen zur Endkundenbelieferung zur Verfügung.

Für die Zustellungen durch Transportroboter sehen wir ein Potenzial bis zu 400 Millionen Zustellungen pro Jahr, was damit um mehr als das Zehnfache über dem der Flugdrohnen liegt.
Prof. Uwe Clausen, Institutsleiter, Fraunhofer IML

Damit Innovationspotenziale auf der letzten Meile gehoben werden können, sind seitens Politik und Gesellschaft sowie seitens der Logistikunternehmen verschiedene Entscheidungen nötig. Logistikunternehmen müssen in digitale Kompetenzen ihrer Mitarbeiter und Organisation investieren und dabei insbesondere die von ihnen eingesetzten mittelständischen Subunternehmer unterstützen, denen oft die nötigen Ressourcen für solche Anstrengungen fehlen. Neue Mobilfunkstandards schaffen technische Grundlagen, offene Schnittstellen und Maßnahmen zur Sicherung von Vertraulichkeit und Sicherheit sorgen für Vertrauen und Akzeptanz.

Der 3D-Druck besitzt das Potenzial, im Bereich individueller und eiliger Produkte Transporte aus Maschinenbau und Medizin sukzessive durch die Produktion vor Ort zu ersetzen. Logistiker können diesen Wandel aktiv mitgestalten, um Teil und nicht Leidtragender dieser Entwicklung zu sein. Eine Kooperation mit Handelsunternehmen vor Ort liegt nahe.

Kundenanforderungen verkürzen die letzte Meile, und viele kleine Depots erschließen die Fläche. Die Logistik benötigt also kundennahe Standorte, die sich auf dem Land leicht, aber im dicht besiedelten Raum schwerer finden. Räumliche Kundennähe kann ein Schlüssel für den Einsatz der emissionsfreien elektromobilen Logistik ebenso wie für standardisierte Same Day-Belieferung sein. Neue Fahrzeug- und Lieferkonzepte erfordern ein „out of the box“-Denken, jedoch ist bis 2030 der Dieselmotor auf der letzten Meile nicht abgelöst, sondern in Bereichen mit besonderem Handlungsdruck auf dem Rückzug. Speziell im ländlichen Raum beginnen autonome Lkw, die Belieferung gewerblicher Empfänger effizient zu gestalten. Die überschaubare und sichere Umgebung fungiert als Demonstrator, um die Technik weiterzuentwickeln und vor allem für Akzeptanz in Wirtschaft, Gesellschaft und Politik zu werben.

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