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Satte Kunden?

Eigentlich ist es die einfachste Sache der Welt. Seit Jahrzehnten. Anruf genügt. Pizza bestellen und der Pizzabote kommt vorgefahren. Oder Essen vom Chinamann. Dessen Bruder schwingt sich ins Auto und bringt neben dem Chop Suey auch noch Stäbchen und eine Cola mit. Doch Lieferdienste sind nicht nur Partner der Gastronomie, sondern auch Konkurrenz. Das zeigt der Blick auf eine besondere Partnerschaft.

Die Situation ist angespannt, denn die Gastronomie in Deutschland hat schwierige Jahre hinter sich. Doch 2016 lief mit einem nominalen Umsatz-Plus von 2,7 Prozent (Quelle: Statistisches Bundesamt) besser als erwartet. Noch Anfang des Jahrzehnts hatte es in der Branche eine radikale Ausdünnung gegeben. Überlebt haben in vielen Städten vor allem Betriebe, die sich aufgrund ihrer Kochkünste und ihres Services einen Namen gemacht haben. Und natürlich Fast-Food-Ketten, deren Ableger es längst an jeder Ecke gibt.

„Dazwischen seinen Markt zu finden, wird immer schwieriger, weil unser Gewerbe sehr personalintensiv ist“, beurteilt Ingrid Hartgens, Hauptgeschäftsführerin des Deutschen Hotel und Gaststättenverbandes e.V. (DEHOGA) in Berlin die Situation. „Deshalb können Lieferdienste grundsätzlich eine Chance sein, das Geschäft zu beleben“. Können, wohlgemerkt …

Selbstverständlich arbeiten Lieferdienste nicht umsonst Provisionen von bis zu 30 Prozent werden hier fällig. „Bevor man sich also dafür entscheidet, sollte man gründlich überlegen, ob das überhaupt funktioniert, oder seine Preise anpassen“, rät Ingrid Hartgens vom DEHOGA. Hintergrund: Berücksichtigt man neben der Provision die gesetzliche Mehrwertsteuer von 19 Prozent, landet mitunter bis zur Hälfte des Umsatzes gar nicht in der Kasse des Restaurants. Viel Geld in einer Branche, die ohnehin unter hohem Kostendruck leidet.

Ingrid Hartgens: „Provisionssätze von bis zu 30 Prozent müssen erst einmal erarbeitet werden. Da muss ja auch was übrig bleiben. Das lohnt sich nur, wenn hochgradig professionell gearbeitet wird und wenn das Volumen stimmt“. Manche Fastfood-Ketten setzen daher bereits eigene Flotten mit Kleinstwagen ein.

Dabei bietet der Markt der Lieferdienste durchaus Potenzial. „Überall, wo Mehrwerte geschaffen werden können, ist eine Überlegung sinnvoll. Etwa, wenn es um neue Zielgruppen oder auslastungsschwache Zeiten geht“, argumentiert Ingrid Hartgens. Größtes Risiko ist aber, dass am Ende der Service nicht stimmt und dies zu einer Art Boomerang für den gastronomischen Betrieb wird: „Ohne einen verlässlichen Partner, der garantiert, dass das Essen auch heiß ankommt, geht es nicht.

Wichtig ist auch, sich nicht von einem einzigen Anbieter abhängig zu machen. Derzeit ist viel Bewegung im Liefersegment. Aber ob sich auch langfristig positive Effekte einstellen, wird man tatsächlich erst in Zukunft sagen können“. Tatsache ist auch, dass es immer mehr Lieferdienste gibt und längst nicht alle überleben werden.

Grundsätzlich ist der Trend, dass Verbraucher immer bequemer werden, nicht zu stoppen. Easy auf der Couch zu sitzen und anderen online durch Klick die Lauferei zu überlassen – das hat auch die ZF Zukunftsstudie 2016 als unumkehrbaren Trend erkannt.

Logo Lieferdienst flaschenpost.deJüngstes Beispiel ist der explosionsartige Erfolg des Getränkedienstes Flaschenpost GmbH in Münster. Ohne Aufpreis schleppen die inzwischen 350 Mitarbeiter an sechs Tagen in der Woche schwere Getränkekisten innerhalb einer halben Stunde überall hin. Egal, ob in die 4. Etage eines Reihenhauses oder bis in den entlegensten Hinterhof. Und das Leergut wird auch sofort mitgenommen.

Von morgens um acht bis um 22 Uhr. Längst, so Prokuristin Martha Eggert, wird jede zehnte Getränkekiste in Münster durch flaschenpost.de ausgeliefert. Tendenz steigend!

Selbst Konkurrenten wie Supermärkten und angestammten Mitbewerbern geht bei Preis und Leistung die Puste aus. Möglich machen es die gewaltigen Mengen, die flaschenpost.de inzwischen absetzt. Während man die auffälligen Transporter seit einem halben Jahr ständig durch die Stadt flitzen sieht, brodelt es hinter den Kulissen. Waren die Kastenwagen der „Flaschenpost“ ursprünglich sogar auch an Sonn- und Feiertagen unterwegs, so wurde dies inzwischen gerichtlich gestoppt. Geklagt hatte der Handelsverband NRW. Er hatte der „Flaschenpost“ Wettbewerbsverzerrung vorgeworfen.  Die Flaschenpost GmbH aber vergleicht sich, was ihren Service angeht, mit dem Geschäftskonzept von Pizza-Bringdiensten und hat längst neue Pläne in der Schublade. Weitere Standorte sind im Gespräch.

Autor: Norbert Böwing  //  Foto oben: Norbert Böwing, Foto unten: flaschenpost.de

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