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Nahe Zukunft aus Sicht eines Fahrers in der Foodlogistik

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Live erlebt und weitergedacht. Mit uns kann man’s ja machen, dachte Berufskraftfahrer Horst Anders*, als er an einer Abladestelle des Großdiscounters „XYZ“ ein mehrseitiges Papier in die Hand gedrückt bekam. Die Überschrift lautete: „Neuer Prozess Wareneingang mit Elektronischen-Touch-Terminals (ETT)“.

Wenn ein Lebensmitteldiscounter in der Warenannahme einen neuen „Prozess“ einführt, wissen wir anliefernden Fremdfahrer, da kommt nichts Gutes bei herum, auch wenn oder gerade weil die Ankündigung „An alle Warenlieferanten Food + Non-Food“ in schönster geschliffener Marketing-Sprache verfasst ist. Das geübte Fahrerauge erkennt schnell die Folgen dieser kreativen Innovation.

Der „neue Prozess“ sieht unter Punkt 2 vor:
„Der Fahrer bestätigt die von „XYZ“, auf Basis ihres Papierlieferscheins, übernommenen/erfassten und vereinnahmten Artikeln und Mengen.“

Unter Punkt 3 heißt es weiter:
„Das Stempeln sowie eine umständliche handschriftliche (ggf. fehleranfällige/unleserliche) Quittierung des jeweiligen Original Papier-Lieferscheins inkl. Durchschläge/Duplikate entfällt.“

Übersetzt bedeutet das für den Fahrer folgendes:
Er muss bereits vor dem Abladen quittieren, dass alles vollständig abgeliefert wurde und bekommt im Gegenzug dafür nach dem Abladen keine Unterschrift des Lagermeisters unter die bei ihm verbleibende Kopie des Lieferscheins (nur noch unter die CMR). Im Klartext: Selbst wenn ein Fahrer mit einem von anderen vorgeladenen Auflieger beim Kunden „XYZ“ ankommt, verlangt dieser von ihm, dass er vorab dafür unterschreibt, dass alles richtig geladen wurde, sonst kommt er in dem Computersystem gar nicht weiter. Wenn dann hinterher etwas fehlt, ist er der Dumme.

Am ärgerlichsten jedoch ist diese Passage:
„Falls Sie mit „XYZ“ bereits erfolgreich EDI-DESADV eingeführt haben, werden als Grundlage automatisch die Daten Ihres elektronischen Lieferavis‘ (EDI-DESADV) für den ETT-Abgleichprozess übernommen.“

Da geht bei jedem erfahrenen Fahrer gleich das Kopfkino los. Ich sehe den Lagermeister vor mir, der mit der Inbrunst der Selbstverständlichkeit geradezu erschüttert fragt: „Wie, Sie haben noch kein EDI-DESADV?“ Er könnte genauso gut fragen: „Wie, Sie betanken ihr Fahrzeug immer noch nicht mit Desoxyribonukleinsäure?“ Natürlich habe ich zufällig eher nicht EDI-DESADV „erfolgreich“ eingeführt, ich weiß nicht mal, was das sein soll. Für mich hört sich EDI-DESADV eher danach an, als wenn jemand einen zehn chinesische Glückskekse auf einmal in dem Mund nimmt und dann versucht, Massachusetts zu sagen.

Die Folge:
Der Fahrer „darf“ den sogenannten „Wareneingangs-Protokollschein“ selber ausfüllen. Der Computer gibt Art und Formatierung so vor, dass „XYZ“ es in seinem System dann optimal weiterverwenden kann.

Die Neuerung ist für „XYZ“ ganz prima, denn sie spart Arbeit. Die Arbeit ist dadurch zwar nicht weniger geworden, aber nun macht sie der (Fremd-)Fahrer. Für sich betrachtet, ist es nur eine kleine Sache, aber hinsichtlich der Verantwortung des Fahrers kann sie richtig groß werden, zum Beispiel wenn der Trailer von Dritten falsch beladen wurde. Der Fahrer kann sich dem nicht widersetzen, sonst verliert der Chef den Auftrag und er riskiert seinen Job.

Horst empfindet das zudem als typisches Beispiel sinkender Wertschätzung des Fahrerberufs. Ein Eindruck, mit dem er sich gerade an Laderampen konfrontiert sieht. Auch das wundert ihn sehr, denn die dort arbeitenden Menschen verlören ihren Job, wenn dort keine Lkw mehr einträfen.

Verständlich, wieso Horst in letzter Zeit sein Einkaufsverhalten geändert hat: „Zu „XYZ“ gehe ich nicht mehr. Das lohnt sich nicht.“ Bleibt die Frage, ob sein Chef sich diese Frage hinsichtlich der Geschäftsbeziehung nicht auch einmal stellt.

*Name von der Redaktion geändert. Nacherzählt von Jochen Dieckmann

Autor
admin

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