Erste Transporte in vernetzten Lkw: DB Schenker und MAN vereinbaren Platooning-Projekt
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Logistiker und Lkw-Hersteller vernetzen sich

Automatisierte Lkw-Flotten sind für viele Logistiker eine Option, die es in naher Zukunft zu ziehen gilt. Ein Schrittmacher für das Platooning ist DB Schenker. Gemeinsam mit dem Lkw-Hersteller MAN hat der Bahnlogistiker eine Entwicklungspartnerschaft für Hightech-Trucks verabredet, die die neue Technologie in die logistischen Prozesse integrieren soll.

Der Logistikdienstleister DB Schenker und der Lkw-Hersteller MAN nehmen zusammen einen Anlauf in Sachen Platooning. In der geplanten Entwicklungspartnerschaft agieren zum ersten Mal ein Logistiker und Nutzfahrzeughersteller zusammen, um Potenzial und Chancen der elektronischen Deichsel unter Praxisbedingungen auszuloten. Der Fahrplan sieht vor, dass die Projektpartner 2017 zunächst das Konzept für die vernetzten Lkw-Kolonnen entwickeln. 2018 sollen dann die ersten Platoons im Echtbetrieb die Autobahn unter die Räder nehmen. Die Lkw sollen zwischen den DB Schenker-Niederlassungen München und Nürnberg auf dem im September 2015 gestarteten Digitalen Testfeld Autobahn A9 pendeln, das den perfekten Rahmen für automatisierte Fahrversuche bildet.

Platooning bezeichnet die Fahrt von zwei oder mehreren Lkw in einer Kolonne, bei der die Fahrzeuge durch eine Car-to-Car-Kommunikation miteinander verbunden sind und in dichten Abständen hintereinander herfahren. Automatisierte Fahrsysteme unterstützen die Fahrer in den Lkw eines Platoons. In einer späteren Ausbaubaustufe wird nur noch der Fahrer des ersten Lkw im Platoon die Fahraufgaben wahrnehmen, während die Kollegen in den nachfolgenden Fahrzeugen die Hände nicht mehr am Steuer haben müssen. Dass diese Variante der Kolonnenfahrt funktioniert, hat Anfang des Jahres die European Truck Platooning Challenge mit der Sternfahrt verschiedener Platoons ins niederländische Rotterdam gezeigt. Andererseits hatten Testfahrten in der vernetzten Kolonne bislang stets den Charakter eines Laborversuchs, der aus Gründen der Sicherheit nur unter exakt definierten Bedingungen und mit strengen Auflagen stattfinden durfte. Die eigentliche Bewährungsprobe im Alltag steht daher noch aus. Der Einsatz der Platoons auf der A9 könnte daher der Technologie bald einen kräftigen Schub nach vorn geben.

Der Logistiker und der Nutzfahrzeughersteller haben beide ein handfestes Interesse am Platooning. Hier wie dort zählen Sicherheit und Effizienz im Straßenverkehr sowie die Reduktion von CO2 zu den Schlüsselkompetenzen. Einer Verlautbarung beider Untenehmen zufolge stehen Einsichten zur Optimierung logistischer Prozesse auf der Agenda des gemeinsames Projekts. Tatsächlich muss DB Schenker als Spezialist für Landverkehre in Europa mit einem dichten Netz von Linien ein vitales Interesse daran haben, belastbare Informationen über den Nutzen der neuen Technologie für seine Kunden und die eigenen operativen Prozesse zu erhalten. Eine Rolle wird dann auch die Frage spielen, welche Daten dabei anfallen und wie diese durch die Projektpartner genutzt werden. Klärungsbedarf gibt es zudem im Hinblick auf die Schnittstelle von Mensch und Maschine im Lkw-Platoon. Hier dürfte es spannend werden, mehr über die Anforderungen an die Fahrer und den Einfluss der neuen Technologien auf den Fahrerarbeitsplatz zu erfahren.

MAN wiederum dürfte sich im Gemeinschaftsprojekt vor allem für die Betriebs- und Verkehrssicherheit seiner Hightech-Trucks interessieren. Dabei wird es sich vermutlich um eigens aufgerüstete Prototypen handeln, die ihre Abstände zum Vordermann automatisch an die Verkehrslage anpassen. Eine eher unbekannte Größe im Feldversuch sind die anderen Verkehrsteilnehmer auf der Autobahn. Das Konzept des Platoons sieht zwar vor, dass sich ein Konvoi vor Auf- und Abfahrten auflöst oder zumindest den Abstand zwischen den Teilnehmern im Platoon vergrößert. Wie Pkw-Fahrer damit zurechtkommen, wird der Praxistest sicher zeigen.

Für MAN ist das Projekt mit DB Schenker einer gute Ergänzung zu einem Engagement in Sachen Platooning. Der Lkw-Hersteller nimmt an dem Anfang September gestarteten Großverbundprojekt IMAGinE (Intelligente Manöver Automatisierung – kooperative Gefahrenvermeidung in Echtzeit) teil. Das vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi) geförderte und auf vier Jahre angelegte Forschungsprojekt soll innovative Assistenzsysteme für das kooperative Fahren der Zukunft entwickeln. Für MAN geht es zum Beispiel darum, wie automatisierte Lkw durch intelligenten Informationsaustausch schwierige Fahrsituationen wie Überholmanöver und das Einfädeln auf Autobahnen kooperativ managen. An einer Autobahnausfahrt zum Beispiel würden sich die im Platoon gekoppelten Fahrzeuge auf der durchgehenden Spur mit den abfahrenden Fahrzeugen abstimmen, um das Manöver für alle Beteiligten effizient und sicher zu gestalten.

Lkw-Platoons könnten auf mittlere Sicht zum täglichen Bild auf den Autobahnen gehören. Sind die technologischen und rechtlichen Fragen zum Einsatz der Fahrzeuge geklärt, dürfte über kurz oder lang das Problem der Infrastruktur auf der Tagesordnung landen. Möglicherweise stellt sich dann die Frage, ob die Autobahnen eine extensive Nutzung durch Lkw-Kolonnen verkraften. Kommt in Zukunft vielleicht die Freigabe der Standspur für Lkw-Platoons? Die Nutzung bestimmter Streckenabschnitte zu bestimmten Tageszeiten? Auch eine Lkw-Maut könnte künftig davon abhängen, ob ein Lkw alleine oder im Platoon auf der Autobahn unterwegs ist. Der Direktor der 1978 gegründeten Denkfabrik Reason Foundation im kalifornischen Los Angeles, Robert. W. Poole, hat zu dieser Thematik vor Kurzem einen interessanten Vorschlag in den Diskurs eingebracht. Aus seiner Sicht sollten Politik und Behörden bei neuen Autobahnprojekten von vornherein eine eigene Spur für Lkw-Platoons in die Planung einbeziehen.

Autor: Joachim Geiger

 

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