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Die letzte Meile im Fokus der Innovationen

Die Straßen der Citys sind verstopft. Erste Städte in Deutschland erwägen, Dieselfahrzeugen die Einfahrt zu verbieten. „Verbote führen zwangsweise zu Veränderungen. Daran sieht man, wie heiß das Thema letzte Meile ist“, sagte Prof. Uwe Clausen vom Fraunhofer Institut Materialfluss und Logistik (IML) beim ersten KEP-Kongress, den der ETM Verlag mit Unterstützung von ZF am 26. April 2017 in Nauen bei Berlin veranstaltet hat. Doch wie erfolgt der Zustellprozess künftig? Autonomes Fahren, E-Mobilität, Drohnen- oder Roboterzustellung können einen Beitrag zur Entlastung der Innenstädte leisten.

Innovationen schaffen neue Spielräume. „Technische Trends nehmen Einfluss auf die letzte Meile und auch das Internet gewinnt zunehmend an Bedeutung“, fügt er hinzu. Zwar werde es seiner Ansicht nach noch lange ein Nebeneinander von herkömmlich und elektrisch angetriebenen Fahrzeugen geben und auch die Reichweiten-Angst sei nicht unbegründet. Dennoch zeigten eine Reihe von Praxistests, dass E-Fahrzeuge sich für urbane Wirtschaftsverkehre gut eignen. Clausen sieht auch in der Digitalisierung großes Potenzial – vor allem in Städten, in denen Ver- und Entsorgung intelligent vernetzt sowie Datenformate standardisiert werden.

„Die Dienstleister leisten bereits gute Arbeit und sind effizient“, sagt Marten Bosselmann, Geschäftsführer des Bundesverbandes Paket und Expresslogistik (BIEK). Das habe die Nachhaltigkeitsstudie 2017 des BIEK ergeben. Eigens dafür wurde der „Paketkilometer“ als funktionelle Einheit definiert, um die Transportleistung im KEP-Netzwerk zu messen. „Er ist die Messgröße der logistischen Leistung auf der letzten Meile, analog zum Personenkilometer im ÖPNV“, erläutert Bosselmann. Die ökologische Effizienz der KEP-Dienste in den Innenstädten ist dieser Berechnung nach drei- bis sieben Mal höher als die des öffentlichen Stadtbusverkehrs, der ebenfalls auf dem Verkehrsträger Straße unterwegs ist.

Bei den Zustellkonzepten wird das Mikro-Depot-Konzept als besonders nachhaltig eingestuft. Ein bekanntes Beispiel eines mobilen Mikro-Depots ist das von UPS. Der Paketdienst stellt morgens in der Innenstadt Lkw Wechselbrücken ab, von wo aus die Zusteller mit dem Lastenrad oder zu Fuß die letzte Meile bedienen und immer wieder nachladen können. „Hierbei sollte die KEP-Branche kooperieren und stationäre oder mobile Standorte gemeinsam nutzen“, sagt er. Großes Potenzial haben auch autonom fahrende Zustellfahrzeuge.

„Ein teilautonomes Fahrzeug kann dem Zusteller beispielsweise helfen, in dem es zum nächsten Stopp oder zu einem speziell ausgewiesenen Parkplatz fährt“, erläutert Dr. Gerd Seber, Sustainable Development Manager bei DPD Deutschland. Hier können auch die Städte einen Beitrag leisten, indem sie die Voraussetzungen schaffen, dass sich die Fahrzeuge im Stadtgebiet problemlos und sicher bewegen können. Weiteres Szenario: Allmorgendlich sind rund 50 Fahrer mit ihren Paketautos beispielsweise vom Depot in Ludwigsburg in die Innenstadt von Stuttgart unterwegs. Durch Platooning sei vorstellbar, dass nur einer fährt und die anderen Fahrzeuge automatisch folgen. Der Zustellfahrer steigt dann erst in der Nähe seines Tourgebietes ein.

Der E-Commerce bedingt einen grundlegenden Wandel. Die bisherige traditionelle Marktsegmentierung „KEP“ wird zunehmend aufgelöst. „Systemdienstleister bieten verstärkt individualisierte Lösungen“, sagt Horst Manner-Romberg, Geschäftsführer der MRU in Hamburg. Er führt das Beispiel Amazon an. Der Online-Riese habe 2016 rund 1700 Patente bekommen. „Das sind 32 in der Woche“, betont der KEP-Experte. Der Konzern richte sich extrem auf Technologie aus, erprobe sie und wenn sie funktioniere, werde sie als Strategie umgesetzt.

Und auch beim Autobauer Daimler ist die Problematik der letzten Meile inzwischen angekommen. So hat das Unternehmen vor rund einem Jahr die Abteilung Last Mile Logistic Solutions gegründet und beschäftigt sich unter anderem mit der optimierten Laderaumnutzung und -management in Lieferfahrzeugen. „Wir haben mit dem Cargo Space Slider eine Gesamtlösung, die den Zustellfahrer entlastet“, erläutert Ralf Kehrberger, Leiter Cargo Space Solution Engineering bei Mercedes-Benz Vans.

Das automatisierte, intelligente Regalsystem „Slider“ wird von Hand im Lager beladen. Dabei werden die Sendungen mit Hilfe eines Algorithmus bereits vorsortiert und einem bestimmten Regalfach zugeordnet. Fahrerlose Transportsysteme bringen das Regal zum Fahrzeug und laden es direkt ein. Ein kompletter Vito kann in weniger als zehn Minuten beladen werden. „Das bringt nicht nur eine Zeitersparnis, sondern entlastet den Zusteller auch körperlich“, sagt er. Außerdem sei der Laderaum zu hundert Prozent ausgenutzt.

Um künftig überleben zu können, müssen sich die KEP-Unternehmen auch Themen wie Big Data öffnen. Das sagt Andreas Schumann, Geschäftsführer des Bundesverbandes der Kurier-Express-Postdienste (BdKEP). Daten müssen zusammengeführt, standardisiert und ausgetauscht werden. „Dafür sind offene Standards nötig sowie eine einheitliche Paketnummer ähnlich des Barcodes, der auf allen Produkten zu finden ist“, fügt er hinzu. Unternehmen müssen sich seiner Ansicht nach auf Kernkompetenzen spezialisieren und Kooperationen mit Technologiepartnern und anderen KEP-Diensten eingehen.

 

Text: Nicole de Jong
Foto: Daimler

Autor
Kathleen Kiefer

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