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Brot in Not?

In einem mit Spannung erwarteten Urteil wird das Bundesverwaltungsgericht bald darüber entscheiden, ob Kommunen zukünftig das Recht haben, Dieselfahrzeuge aus den Innenstädten zu verbannen.

Schon Mitte September hatte ein Gericht das Land Nordrhein-Westfalen dazu verurteilt, den Luftreinhalteplan für die Stadt Düsseldorf  so zu ändern, dass die Grenzwerte für das gesundheitsschädliche Stickstoffdioxid (N02) so schnell wie möglich eingehalten werden. Klägerin war die Deutsche Umwelthilfe (DUH). Das Urteil aus Leipzig könnte gravierende Folgen für den Lieferverkehr in der City haben.

Bäckermeister Roland M. Schüren aus Hilden ist ein freundlicher Mensch, aber wenn es um seine Existenz geht, versteht er keinen Spaß. Tatsächlich ist die laufende Diskussion um den Ausschluss von Diesel-Transportern aus der City ein großes Thema in der Branche. „Was-Wäre-Wenn-Debatten bringen niemanden weiter“, findet Schüren. „Wir brauchen endlich Taten. Und damit man sieht, wie ernst wir es meinen, haben wir längst eine Selbsthilfe-Initiative gestartet“. Schüren ist, im Hinblick auf die Umwelt, „absoluter Überzeugungstäter“.

In seinem Fuhrpark sorgen seit zwei Jahren drei Nissan e NV 200 dafür, dass die Brötchen umweltfreundlich und pünktlich in die Läden kommen.

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Dabei ist der Elektroantrieb längst kein Experiment mehr: „Wir fahren mit jedem Wagen 45.000 Kilometer im Jahr. Bisher hat alles anstandslos geklappt. Und die Autos haben jetzt schon fast 100.000 auf dem Tacho“.

Schüren ist eine Art Pionier der Branche. So wundert es auch nicht, dass er nahezu täglich besorgte Kollegen aus dem ganzen Bundesgebiet an der Strippe hat, die sich Sorgen machen. „Wenn wir unsere Brötchen nicht mehr in die Stadt bringen können, ist es Aus“, hört er immer wieder. Und er kennt die Probleme aus eigener Erfahrung. Im Rheinland gibt es 18 Filialen, die mehrmals täglich beliefert werden müssen.

Aber der 50-jährige Unternehmer hat längst eine eigene Photovoltaikanlage auf dem Dach seiner Großbäckerei. Und er nutzt sie, um daraus die Energie für die hauseigene Stromtankstelle zu liefern. Schüren: „Früher wurde ich von vielen als Spinner belächelt. Heute fragen mich alle, wie das geht und ob ich ihnen helfen kann“. Die Zeiten haben sich eben geändert.

Mit Hinblick auf das zu erwartende Urteil des Bundesverwaltungsgerichtes sind alle nervös geworden. In über 70 Städten droht den Dieseln ein Verbot. Wie schätzt der Unternehmer die Lage ein? „Vor Gott und auf hoher See ist alles möglich. Die Chancen stehen Fifty-Fifty“. Doch selbst, wenn Schüren sich hinsichtlich einer Transporter-Sperrung selbst keine Sorgen mehr machen muss, denkt er weiter. „Die Mehrkosten für die Fahrzeuge in Höhe von jeweils rund 5.000 Euro haben wir binnen eines Jahres rausgehabt.

Was aber tatsächlich am Markt fehlt, ist ein preisgünstiger Transporter in der 3,5-Tonnenklasse. Damit ließe sich nicht nur vieles besser, sondern auch einfacher rechnen. Und da müssen die Hersteller endlich Gas geben“. Ein Grund, weshalb Schüren die „E-Transporter-Selbsthilfegruppe“ gegründet hat und im Februar sogar einen Workshop mit Betroffenen plant.

Ein größerer Transporter ist vor allem angesichts der Mengen ein Muss. Bei der Firma Schüren sind es täglich 10.000 Brötchen und 3.000 Brote. Zwar ergänzen sich im täglichen Handling Auslieferungstouren und Ladeintervalle für die Nissan-Stromer perfekt, doch haben die meisten Handwerker deutlich mehr an Bord.

Bereits erhältlich ist der Iveco Daily electric mit bis zu 280 Kilometer Reichweite (laut Hersteller). Renault hat soeben angekündigt, eine Elektro-Variante des Master auf den Markt zu bringen. Der Master Z.E. hat wie die aktuelle Generation des Kangoo Z.E. die neue Z.E.-33-Batterie an Bord und ist auf 200 Kilometer angelegt. Während Volkswagen Nutzfahrzeuge beteuert, dass der im letzten Jahr auf der Nutzfahrzeug IAA vorgestellte e-Crafter 2017 definitiv kommt, warten aber viele Gewerbetreibende auf den Elektro-Sprinter von Mercedes-Benz. „Er befindet sich konkret in der Pipeline “, bestätigt ein Sprecher des Herstellers, dessen Elektromodell Vito 2014 ausgerechnet wegen weltweit viel zu geringer Nachfrage eingestellt wurde.

Zweifelsohne hat die laufende Schadstoff-Diskussion, nicht zuletzt angeheizt durch den Diesel-Abgas-Skandal, vieles in Bewegung gebracht. Bei der Daimler AG ist man sich aber sicher, dass die City-Stromer langfristig nicht das „Aus“ für den sparsamen und leistungsfähigen Dieselantrieb bedeuten werden.

Extrem abgasarme Motoren, wie sie soeben im Pkw-Bereich für die E-Klasse vorgestellt wurden, sollen auch in den Transportern Einzug halten. „Es ist alles ein Rechenexempel“, hört man aus Stuttgart, „Wer viel unterwegs ist und täglich hunderte von Kilometern zurücklegen muss, wird beim Diesel bleiben“. Immerhin ist die deutliche Mehrheit der Transporter im Langstreckeneinsatz.

Und das Geschäft mit den Selbstzündern boomt. 2016 verkaufte die Daimler AG weltweit 359.100 Transporter. Ein Plus von zwölf Prozent gegenüber dem Vorjahr, das ebenfalls ein Rekordjahr war.

Autor: Norbert Böwing  //  Bilder: Norbert Böwing,  Bäckerei Schüren

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